Andreas Orgler - Der Flug der Zeit

Im vorderen Stubaital, oberhalb von Fulpmes und taleinwärts von Telfes, eigentlich in keine richtige Ortschaft eingebunden, liegt am Waldrand ein kleiner Weiler namens Plöven. Oberhalb des Weilers ziehen schöne Bergwälder mit Föhren, Lärchen und Fichten über die Berghänge hinauf, bis unter die Schrofenspitzen der Kalkkögel; zur anderen Seite des Weilers breitet sich eine große ca. 15° nach Osten geneigte Bergwiesenfläche Richtung den Ort Telfes aus, und genau an der oberen Ecke des Weilers, an der Grenze zum Wald und zu der Wiesenfläche, steht ein Haus mit klar geschnittenen Linien, für den Einheimischen eher auszumachen als ein Felsklotz, der von den Bergspitzen hoch oben heruntergefallen ist.
Die ersten Sonnenstrahlen eines wunderschönen Frühlingstages treffen soeben auf die Nordostseite des Hauses und lassen es im ersten warmen Licht des Tages und im schlichten Weiß des Verputzes, im Gegensatz zu dem fetten Grün der Wiesen und der Wälder interessant erscheinen und in Beziehung treten, zu den im Hintergrund erkennbaren weißen Bergspitzen der Stubaier Gletscherberge.
Es ist nicht irgendein Haus, es ist unser Haus. Nach einer harten Arbeitswoche liege ich noch faul im Bett, schaue zum in Augenhöhe gehaltenen Schlafzimmerfenster hinaus, über Telfes hinweg zum Patscherkofel und genieße noch gedankenverloren vor dem endgültigen Aufwachen ein paar ruhige Minuten in einem ausgewogenen Raum mit Blick hinaus in eine herrliche Alpenlandschaft. Noch schläft die Familie und ich wechsle den Ort vom Bett zu einem Sofa im Wohnraum.
Wie ein Fisch in einem Riesenaquarium sitze ich in dieser Raumkapsel mitten im Stubaital mit Blick über das gesamte Tal. Und es ist nicht ein normaler Raum mit einem klaren Innen und einem Fenster um hinauszuschauen; vielmehr ist es eine Verschmelzung zwischen Drinnen und Draußen, ein Spiel, nicht nur mit den räumlichen Grenzen, über Jahre erdacht im eigenen Kopf. Früher einmal lebte ich in Räumen mit Fenstern, sowohl im alltäglichen Leben als auch im Leben als Kletterer.
Durch die Kletterei wurde mir klar, dass mein Leben oft in gedanklichen Zimmern stattgefunden hat. Anfangs war ein Raum mit einem Fenster. Aus der Geborgenheit der Wände beobachtete ich das Draußen durch diese Öffnung, ohne dabei die schützende Hülle zu verlassen.
Jede größere Alpinkletterei bedeutete ein Loch in diesen Wänden. Immer mehr wurde mir bewusst, dass ich ein kleiner Teil des Ganzen bin. Der vermeindliche Schutz der Hülle entpuppte sich als Trugschluss. In diesem Raum war auch ein Fernsehapparat und ein Videorecorder.
Viele Tätigkeiten meines Alltags waren nur Sendungen in verschiedenen Programmen.
Auch manche Klettereien erschienen als Sportnachricht oder als Sportnachmittag.
Hatte ich genug davon, konnte ich jederzeit einen sicheren Stand einrichten und abseilen. Es war wie das betätigen des Ein/Aus Knopfes für den Bildschirm. Bei gewissen Stellen war es mir nicht möglich, das erste Mal schon alles zu verstehen. Der Videorecorder trat in Aktion. Vorlauf – Rücklauf, Zeitlupe oder Standbild; alles ist auf diesem Gerät sooft wiederholbar, bis man es verstanden hat oder bis man es satt hat, immer wieder dasselbe in der Reprise zu sehen. Das BBdach oder auch viele schwierige Klettergartenstellen – ich besaß sie mittlerweile alle auf Band. Es waren keine wirklichen Filme, aber sie waren genauso mechanisiert, abrufbereit und archiviert, war dies alles nach Bedarf auf meinem Bildschirm via Videotape konsumierbar. Durch diese Löcher, die die Alpinabenteuer in meine vier Wände gerissen hatten, blies kalter Wind herein. Durch diesen kalten Wind wurde ich wachgerüttelt und sah auf einmal mehr als nur durch dieses erste eine Fenster. Es war ein langer Weg vom Raum mit einem Fenster bis zur Hülle, die das Draußen und Drinnen verschmelzen lässt, im Inneren sieben verschiedene Plätze für verschiedene emotionale Zustände bietet und eigentlich mehr eine Landschaft als ein Haus ist. Es ist das Ergebnis vom mehrfachen Überschreiten von Grenzen; Grenzen in der Sehgewohnheit, Grenzen im Kopf; Grenzen bei der Begegnung mit der Natur und Grenzen im menschlichen Bereich; eben ein Abenteuer.
Und wie ich da so sitze und meinen Gedanken nachhänge, wandert der Blick über die einzelnen Bergspitzen bis ganz hinten hinein ins Pinnistal zur noch im Dunklen stehenden Kastenwand. In diesem Tal ist sie der Inbegriff von Unnahbarkeit. Gleich wandern auch meine Augen weiter an den Serleskamm bis hin zu den angenehm ruhigen, hügeligen Formen der Gleinser Höhen und dem Patscherkofel. Es ist noch früher Morgen und trotzdem bildet sich schon ein erstes ganz kleines zartes Wölkchen über dem Gipfel des Patscherkofels. Wunderschön reflektiert es das warme Licht der Morgensonne und ich beobachte das kleine Wölkchen auf seinem langsamen Zug Richtung Nordosten, wo es sich nach wenigen Minuten wieder auflöst. Es ist ganz sachte gekommen, war wunderschön und hat sich, ohne eine Spur zu hinterlassen, wieder aufgelöst. Es war ein Schauspiel von Zeit und Raum wie es jede Minute am Himmel irgendwo vorkommt, aber es bedurfte offensichtlich der Muse der Morgenstunde, um es wahr zu nehmen.
Ein Erdbeben der Stärke 10 reißt mich aus meinen Tagträumen. Die Stiegenanlage im Zentrum des Hauses, die gleichzeitig die Funktion der Bibliothek erfüllt und aus einzelnen Brettelementen zusammengestellt ist, droht einzustürzen. „Papa“, „Guten Morgen“ wie ein Wirbelwind stürmen die zwei Buben, unsere „Spezialterroreinheit“ über die zwei Geschosse von Ihren Dachzimmern in den Wohnraum herunter. Gerade sind Sie aufgewacht und es wäre ja durchaus möglich, dass sie etwas versäumen können. Und bevor man sich versieht, kommt Leben ins Haus. Spiele finden wie von selbst den Weg aus dem Kasten auf den Fußboden, das Frühstück wird bestellt, das Programm für den Tag wird gefordert. Es ist nicht leicht an einem Familientag alles unter einen Hut zu bringen und es erfordert taktisches Geschick um dabei nicht selbst unter die Räder zu kommen. Noch ganz im Zeichen der sich bereits aufgelösten Wolke am Patscherkofel versuche ich der Bande einen Ausflug aufs nahegelegene Kreuzjoch vorzuschlagen. Es liegt 1.100 Höhenmeter über unserem Haus, der Schibetrieb hat für die heurige Saison vor einer Woche geschlossen und somit sind die Pisten noch in gut präpariertem Zustand. Wie wäre es also, würden wir vier aufs Kreuzjoch wandern und dabei den Lawinen beim Herunterstürzen über die Kalkkögelwände zusehen? Selbstverständlich würden wir natürlich unsere Sportgeräte mitnehmen, um den „Abstieg“ möglichst freudvoll zu gestalten.
Für Geli und die Kinder stünde somit eine Schitour am Programm und für mich wäre nach gemeinsamen Aufstieg ein Drachenflug möglich. Oft habe ich sie bewundert und beneidet, die Menschen die fliegen konnten. Selbst wollte ich bereits Hubschrauberpilot werden oder noch früher Drachenfliegen. Aber nie hatte sich die Möglichkeit ergeben, das Fliegen zu erlernen.
Die Zeit war nicht multiplizierbar und in der mir zur Verfügung stehenden Stundenmenge pro Tag hatte ich es nie geschafft, ausreichend Zeit für eine Fluglehre zu finden. Das Klettern, die Familie, der Beruf war bisher immer ein magisches Dreieck indem abzüglich ein paar Stunden Schlaf, meine gesamte Tageszeit aufgebraucht wurde. Die Entscheidung zur beruflichen Selbstständigkeit erforderte dann jedoch fast 100% der Energie zum Aufbau eines eigenen Büros, forderte viel Geduld bei der Familie und den Verzicht auf die so heiß geliebte Kletterei. Als dann die berufliche Schlinge um den Hals sich wieder etwas lockerte, stand die Entscheidung zum Wiedereinstieg in eine Sportart an.
Der Kontakt zu den Kletterfreunden war verständlicherweise weniger geworden und leider sind auch nicht wenige von Ihnen in den Jahren verunglückt. Wie der Zufall es so wollte, entführte mich dann mein Freund Robi Schmidt in die Luft und das neue, unsichtbare Medium zog mich voll in seinen Bann. Ein Abendteuer ging zu Ende, ein neues begann. Gefühle wie früher beim Klettern wurden wach. Alles war neu, alles war interessant, es galt zu lernen und den Horizont zu erweitern. Es war ein weiterer Schritt, heraus aus dem Trott des Alltags, hinein in die Faszination einer neuen Sicht der Welt.
Beim Frühstück im Sonnenschein, beschloss der vollständig versammelte Familienrat den Vorschlag anzunehmen. Früher fuhr ich mit dem Fahrrad von meinem damaligen Zuhause in Innsbruck hinein auf die Kemater Alm, um anschließend eine Solobegehung der Riepenwand vorzunehmen, oder auch Jahre später, von der Wohnung in Neustift an kalten Wintertagen zu Fuß ins Pinnistal zu gehen und den gesamten Tag mit Eisklettern zuzubringen und anschließend mit der Rodel wieder nach Hause zu fahren. Ich habe sie immer schon gemocht, die Touren die ohne Motorantrieb von zu Hause in die Berge geführt haben und wieder zurück. Somit kann man sagen, wurde eigentlich die Entscheidung für einen Tag in alter Manier getroffen. Zu Fuß von zu Hause hinauf aufs Kreuzjoch um dann auf verschiedenen Wegen sich wieder zu Hause zu treffen.
In bester Tradition, der in den 80iger und 90iger Jahren gemeinsam mit meinen Partnern durchgeführten Big-Wall Klettereien in Alaska, schleppte ich auch diesmal einen großen Sack mit 5 m Länge und angefüllt mit fast 40 kg Sportgerät hinter mir nach, in Richtung Schlick. Am Rücken hatte ich das 8 kg schwere Gurtzeug, am Klettergurt befestigt war ein Seil, an dem der Drachen und die Schi der Kinder nachgezogen wurden. Während die Kinder auf der noch immer präparierten Piste wie junge Hunde herumtollten, schleppte auch Geli einen schweren Rucksack mit den Schischuhen der Kinder und den nötigen Getränken und Essensvorräten bergauf. Der Weg führte vorbei an der Schlickeralm, dem Heimathaus meiner Frau Geli. Weiter ging die Reise vorbei an den Wandfüßen von Ochsenwand, Riepenwand und Seespitz. Unter lautem Getöse beobachtet wir die über die Wände stürzenden Nassschneelawinen des noch immer jungen Frühlingstages. Verwegen schauten sie aus, die Fels- und schneedurchsetzten schroffen Abbrüche zwischen den einzelnen wie Canyons eingeschnittenen Rinnen der Felswände. Früher waren diese Schrofenzonen das Ziel meiner Steilwandschiabfahrten.
Von fast allen größeren Gipfeln der Kalkkögel hatte ich über Jahre hinweg diese Abfahrten gesucht. Teilweise bis zu 60° steil und mit Felsabbrüchen bis zu 5 m senkrecht waren sie eine echte Herausforderung für einen wilden jugendlichen Schilauf. Jahrelang hatte ich früher als Mitglied der Lawinenkommission diese Bergflanken beobachtet und konnte gut den idealen Zeitpunkt für Schiabenteuer wählen. Manche dieser Touren fanden in aller Stille statt, manche waren für die Vis’a’vis im Schigebiet der Schlick schilaufenden Touristen ein aufregendes Spektakel.
Die Hüften schmerzten vom fast zweistündigen Ziehen des 40 kg Sackes. Der Atem ging schwer und trotzdem mussten die vielen neugierigen Fragen der Kinder immer wieder beantwortet werden.
Für sie zwar eindrucksvolle, jedoch noch bedeutungslose Berge, wurden auf einmal mit Geschichten belegt. Somit wurden Wandzonen, Rinnen und Gipfel aus der Anonymität endloser Schutthäufen herausgerissen und durch diese Geschichten mit Geschichte belebt. Noch fehlen Ihnen die eigenen Erlebnisse in den einzelnen Landschaftsteilen und sie konsumierten die Geschichten von Geli und mir teilweise wie erzählte Actionfilme. Wo vor einer Woche noch bis zu 2.000 Leute am Tag die Abfahrten belebt hatten, genießen wir jetzt Einsamkeit. Wenn die Fragestunde einmal Pause machte, hörte man das Rinnen der Schmelzbäche, das Singen der Vögel und das Donnern der Lawinen. Das Kreuzjoch wurde erreicht, gerade bevor die Geschichten ausgingen, der Atem den Anforderungen nicht mehr nachkam und das Interesse der Buben am Bergsteigen kippte. Hier heroben war die Freiheit noch größer als im Tal. Der Horizont war abgesunken, auf Aughöhe lagen die Grate der Stubaier Alpen mit ihren Zinnen, Türmen und Wandabbrüchen, unter uns das Tal mit seinen Menschen und ihren Sorgen und Wichtigkeiten und über uns wölbte sich ein tiefblaustrahlender Frühlingshimmel mit ganz wenigen kleinen Haufenwolken und dem angenehm wärmenden runden Feuerball der Sonne. Wir hatten diesen Zielpunkt aus eigener Kraft erreicht, messbar erlebt durch die Anzahl der eigenen Schritte, die eigene körperliche Leistung. Somit erhielt der Weg ein Maß in Länge und Höhe und auch die Erlebnisgeschwindigkeit war angepasst auf das für uns Menschen begreifbare Maß der eigenen Leistungsfähigkeit. Die Landschaft war nicht mehr nur ein Bild, betrachtet durch ein Fenster in einem Raum, wie ein Fernseher oder eine Fiktion in einem Mikrokosmos, nein sie wurde zur erlebten Wirklichkeit. Sie erhielt ihren Maßstab. Sie bekam Größe, Höhe, Weite, durch die Lawinen beeindruckende Mächtigkeit und durch die erzählten Geschichten eine zeitliche Dimension.
Und all das reflektierte zurück auf uns und gab auch uns wieder einen wirklichen Maßstab.
Einen Maßstab für die eigene Wichtigkeit, die eigenen Anliegen und Wünsche. Klein sind sie geworden die Alltagssorgen, ja ich möchte fast sagen, sie sind im Tal geblieben.
Und der Wunsch war da, noch höher zu steigen, um noch weiter sehen zu können und um die Verkleinerung des Maßstabs noch weiter treiben zu können. Aber es war eine Grenze da, der Berg war zu Ende. Die Flanke über die wir hinaufgestiegen waren endete an einem Grat und auf der anderen Seite des Grates fiel eine andere Flanke wieder in ein anderes Tal ab, um an einer weiteren Seite des Tales wieder als Flanke anzusteigen, wieder einen Grat zu erreichen um dahinter wieder abzufallen und immer so weiter bis, wer weiß wo, außerhalb der für das Auge erkennbaren Wirklichkeit sich endlos weiter zu wiederholen, oder sanft auszulaufen. Ob die Erde nun wirklich eine Kugel oder eine Scheibe ist, war von diesem Standpunkt aus nicht zu erkennen. 13,5 m² Spezialstoff, 1 Kiehlrohr, 2 Flügelrohre, 1 starker Querholm und 28 Segellatten sowie 1 dreieckiges Gestänge darunter, mit ein paar 2 mm starken Drahtkabeln verspannt, ist die moderne Variante zu den mit Bienenwachs verklebten Federflügeln des Ikarus. Auch er wollte über den Horizont schauen, aber kam dabei offensichtlich den Göttern zu nahe. Noch stehe ich mit beiden Beinen fest am Boden der Startrampe, auf den Schultern den 35 kg schweren Drachen und beobachte die Luft, in der es für das Auge nur scheinbar nichts zu erkennen gibt. Die Gräser und Baumspitzen wiegen im Wind, und die Wolken, einige hundert Meter über mir, beginnen langsam zu wachsen. Noch liegt im Tal eine leichte Inversion, die man an ihrer anderen Färbung erkennen kann. Aber als ein Greifvogel und mehrere Raben, ohne einen einzigen Flügelschlag kreisend, immer höher kommen, ist der Zeitpunkt für den Start gekommen. Es sind nur drei, vier Schritte über eine steile Rampe in den Wind, eine scheinbar leichte Tätigkeit, aber in Wirklichkeit ein emotionales Abenteuer. Es ist ein Loslösen vom Gewohnten, vom Vertrauten, vom Boden, ein Abschied von der Frau und von den Kindern, ein Schritt in eine andere Welt.
Normalerweise bewegt man sich als Mensch auf einer Oberfläche, auf einer Grenzlinie zwischen zwei Materien. Nur beim Tauchen und beim Fliegen erlebt man die Exklusivität einer Materie. Mühelos geht es nach oben und nach unten, und in alle Richtungen. Es ist ein labiler Gleichgewichtszustand zwischen der Aufwindkraft der Thermik und der nach unten ziehenden Schwerkraft. Es ist ein Schweben, bei dem man ganz alleine ist und bei dem die Landschaft nach unten entschwindet. Der Himmel wird immer blauer, der Horizont wird immer weiter und man muss nur hoch genug steigen, um zu sehen, dass die Erde tatsächlich rund ist. Angelangt bei der Basis der Wolken erhält der Himmel doch noch einen Deckel. Nach einigen Minuten des schwerelosen Aufkreisens schaue ich nun das erste Mal wieder nach unten und erkenne die mir über so viele Jahre lieb gewordenen schroffen Kalkzinnen der Stubaier Kletterberge. Wie Finger ragen sie aus den verschneiten Karen Richtung Luft herauf und scheinen nach den Wolken zu greifen. Wie wunderschöne Miniaturen stehen sie da, die großen Träume meiner Klettervergangenheit, überzogen mit einem Netz von Routen, geklettert von oftmals das Leben riskierenden, jungen, wilden Hunden, angefangen von Melzer über Auckenthaler, Rebitsch, Buhl bis zu uns damals jungen Schotteranarchisten der Innsbrucker Jungmannschaft.
Jetzt liegt es da, das Netz der Routen, wie ein Friedhof von Abenteuerleistungen, heute kaum mehr beklettert, nur mehr mit Ehrfurcht besucht. Aus der Luft gesehen sind die im Kopf der Kletterer lebenden Berge unter einer schaurigen Schuttschicht verbergen; der Schutt liegt nicht nur in den Karen sondern auch auf den Gipfeln; nicht einmal die kleinste Zinne ist von diesem Phänomen ausgenommen und auch mir treibt dieser Anblick einen leichten Schauer auf den Rücken.
25 Jahre sind vergangen, seitdem ich meine ersten zaghaften Kletterversuche in diesen wilden Türmen gemeinsam mit meinem Freund Michael unternahm. Es waren tolle Abenteuer; jede einzelne dieser Kletterrouten war ein prägendes Erlebnis. Ich habe die Gegend durchwandert, durchklettert, und in einem Führerwerk beschrieben und anhand von unzähligen Wandfotos und Topozeichnungen durchdacht. Bis auf zwei Routen habe ich alle Kletterführen im 5. Schwierigkeitsgrad und darüber in den gesamten Stubaier Alpen beklettert. Die Klettereien haben mir viel gebracht und auch viel gekostet. Jede einzelne wurde zu einem unvergesslichen Erlebnis, hat meine Persönlichkeit geformt und den Maßstab der Wertigkeiten zurechtgerückt. Während ich so gedankenverloren über der Pfrimesnadel, meiner ersten Klettertour in dieser Gegend, in einem sanften Aufwind kreise, kommt mir die Idee, diesen schönen Frühlingstag für einen Flug in die Vergangenheit zu nützen. Weite Reisen durch die Luft hat mir mein Drachen schon geschenkt. Flüge mit 250 km und mehr habe ich erleben dürften.
Aber wie wäre es, in einem Flug alle Kletterwände der Stubaier zu besuchen und aus der Luft die Erinnerungen wieder zu wecken? Erzählt man heute Kletterern von anspruchsvollen Abenteuern und tollen Kletterrouten in den Stubaier Alpen, so zieht sich ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht.
Unter den Einstiegen dieser Wände werden dieselben Gesichter jedoch in höchstem Maße konzentriert und ernst. In dieser Gegen ist kein Rekord möglich, die Schwierigkeitsziffern erschrecken niemanden. Die nicht vorhandenen Bohrhaken und die Pflicht zur Selbstabsicherung der Routen quält die Gemüter der Kletterer. Nur wer tiefste Verbundenheit mit dieser Art von Natur lebt, kann in dieser Gegend schwierige Routen klettern. Fast kommt der Eindruck auf, nur diese Spezies von Kletterern wird von den Bruchwänden geduldet; alle anderen werden vor dem Einstieg vom Steinschlag verjagt, oder vom Gezirze der Graswiesen betört und abgeworben, um den Tag, anstatt in den senkrechten gelbschwarzen Wänden zu verbringen, mit entspanntem Liegen in den warmen Almwiesen zu genießen.
Manchmal werden Kletterer auch von den Wänden selbst verächtlich abgeworfen. Dass manch einer dabei sein Leben lies, trug zur heute vorhandenen Einsamkeit der Wände weiter bei. Teilweise kreisen wahre Horrorgeschichten um diese teilweise nur 40 m hohen Türme, die, versteinerten Sagengestalten gleich, vom Grat aus in die Ferne schauen. Aus der Luft betrachtet wirken Kuno Rainers Ostwand des Wieserturms, oder Südostwand der Melzernadel, oder seine Südwand an der westlichen Nadel gemeinsam mit Hias Rebitsch begangen, sowie auch meine eigene Route am Nadelsockelturm wie lächerliche kleine Kieselsteine. Aber ich kann mich noch gut an jede einzelne Begehung dieser Routen erinnern und mir ist auch heute noch allzu gut bewusst, dass ich für jede einzelne mehr Mut, Überwindung und Konzentration aufbringen musste, als z.B. für die 1.600 m hohe Eigernordwand. Wenn die Sicherung schlecht bzw. nicht vorhanden ist, und die Brüchigkeit des Griffes vom Begeher falsch bewertet wird, dann ist es ziemlich einerlei, wie lang der Sturz ins Bodenlose dauert; sind es 40 m oder 1.500, am Ende ist das Ergebnis dasselbe. Das typische an allen Kalkkögelklettereien und an den Turmklettereien im Besonderen, war immer, dass es sich um die Bewältigung von ausgeprägten Mutstellen handelte. Im jugendlichen Wettbewerbsfieber wurde meistens daraus ein Triathlon besonderer Art kreiert. Natürlich war der Kern des Bewerbes die stilvolle Bewältigung von an und für sich, mit normalen Kletterzügen, nicht bewältigbaren kurzen Kletterungetümen; meist wurde der zweite Bewerb, das Biertrinken, zeitlich nach taktischen Kriterien eingesetzt. Galt es, ein Fest zu feiern, wurde dieser Bewerb auf den Abend verlegt, galt es die Nerven zu beruhigen, wurde er meist der Kletterei vorgezogen. Zu aller Belustigung und zur Intakthaltung des sozialen Gefüges der Klettergemeinschaft gesellte sich der dritte Bewerb hinzu. Hierbei gab es immer Geber und Nehmer. Die Geber waren die Freunde, die die Kommentare zur Leistung beim Klettern geben durften; diese reichten in einer genau skalierten Abstufung von großer Bewunderung für den Stil des Begehers, über abschätzige Kommentare zu gerade noch gut gegangenen Überlebenstrainings, bis hin zum Ausdruck der Unglaubwürdigkeit für eine dargebotene Leistung. Sowohl Lob als auch Kritik kamen immer direkt und unmissverständlich. Und somit war eigentlich der dritte Bewerb dieses Triathlon bereits schon die soziale Preisverteilung. Ort derselben war jedes Mal die Pichlerhütte und statt fand sie immer in Wort und Schrift. Für die schriftliche Ausführung gab es ein Hüttenbuch, das in seiner zweibändigen Ausführung alle Kletteraktivitäten seit den 30iger Jahren des letzten Jahrhunderts dokumentierte; womit eigentlich bereits eindeutig die Frequenz der Klettertätigkeit im gesamten Gebiet belegt ist.
Die verbale Ausführung war im positiven Fall ein nettes anerkennendes Gespräch mit allen Freunden, im Fall eines Sturzes die Ehre eine sogenannte Lisl (ein 3 Liter Krug gefüllt mit Bier) bestellen zu dürfen und die Runde gehen zu lassen und im schlechtestmöglichen Fall eine nonverbale Kommunikation oder zumindest keine direkte, was soviel bedeutet, dass mit dem Ziel der Attacken, dem Nehmer, kein Kontakt gesucht wurde, aber in seiner Abwesenheit mit heftigster Munition auf das Opfer geschossen wurde. Der letztgenannte Preis war besonders lang anhaltend und eindrucksvoll und ich weiß wovon ich rede, war ich doch einige Male besonders schmerzlichen Kommentaren ausgesetzt. Gipfel dieser Erlebnisse war der Riepenpfeiler, der von meinen Freunden den Schwierigkeitsgrad 3 nach unserer dreiteiligen Skala zugesprochen bekam. Aufgebracht wurde die damalige Einstufung für Insider- Kalkkögelklettereien von einem offensichtlichen Mathematikgenie, welches es geschafft hatte, die Welt, zumindest die kletternde, auf eine einfache Formel zu reduzieren, die da lautete: 1 bedeutet easy, 2 bedeutet noch easier, 3 bedeutet glaube ich nicht; allein schon daran konnte man die besondere Leichtigkeit des Seins erkennen. Wie bin ich froh, dass es beim Fliegen die GPS-Dokumentation und den Online-Contest gibt. Es ermöglicht sorgenlos das Dokumentieren jenseits jeglicher Diskussion. Aber gegen die natürlichen Gesetzmäßigkeiten der Luft erscheint die Kletterei der Kalkkögel als reine Anarchie. Ich war sehr jung, voll Tatendrang und wollte um alles in der Welt eine besondere Leistung bringen. Klettern hat mich damals viel gekostet, vor allem viele, viele Nerven, in den langen Jahren danach das Leben von vielen Freunden und manchmal auch fast das eigene. Nicht nur vom Boden aus, nein auch aus der Luft ist die Riepenwand die beeindruckendste Felsmauer der ersten Kette der Stubaier Kletterberge, der Kalkkögel. Ohne Zweifel sind in dieser Wand die lohnendsten und ernstesten Klettereien des Gebietes, bzw. wurde bereits immer wieder Innsbrucker Klettergeschichte an ihr geschrieben. Die Ernstheit, die Sicherungsfeindlichkeit, die Voraussetzung der absoluten Beherrschung des Schwierigkeitsgrades und die notwendige Entschlossenheit trennte bereits immer schon vor dem Einstieg die Spreu vom Weizen der Kalkkögelkletterer, wenn beim Annähern an diese Wand die Mauer immer steiler in den Himmel zu wachsen begann. Es war die zweite Hälfte der 70iger Jahre des letzten Jahrhunderts, als vor allem drei junge Innsbrucker das Klettern in den Kalkkögeln neu definierten. Sie brachen sowohl durch Ihre Kletterakrobatik, ihren bewussten Verzicht auf Sicherungsmittel und ihre kryptischen Kommentare über bis dahin erbrachte Leistungen verkrustete Strukturen auf. Es waren Robert Purtscheller, Michel Wolf und Reinhard Schiestl, die als erste eine neue Kletterphilosophie in diese Wände trugen. Nicht nur ihre gekonnten Kletterbewegungen ließen an Indianer erinnern, sondern vor allem auch das Bestreben, keine Spuren zu hinterlassen und niemand anderen mit dem eigenen Tun zu beeinflussen. Es war die Zeit, in der die Dauer von Seillängen in gerauchten Zigaretten gemessen wurde, der bereits zaghaft eingeführte Bohrhaken geächtet wurde und die Ehrfurcht vor dem Althergebrachten den Bach hinuntergeschwämmt wurde. Es war die Zeit in der ich zu klettern begann und es erfüllte mich mit Stolz und Freude mit diesen drei Kletterhäuptlingen manchmal auch im geheiligten Gebiet der Kalkkögel unterwegs sein zu können. Wenn irgendwie möglich, wurde jegliches Regelwerk missachtet, zum einen um persönliche Freiheit zu gewinnen und weiters noch um sich an der Reaktion der Regelersteller und Regelbefolger erfreuen zu können.
Einzige Ausnahme in dieser Anarchie war die damals in der Alpinliteratur gültige, verkrustete Regel, dass das oberste Ende des Schwierigkeitsskala der 6. Grad war. Somit wurde die Schwierigkeitsdefinition der gerade eröffneten Pumprisse, nach einer frühen Wiederholung derselben, nichteinmal missachtet, einfach nicht wahrgenommen. Nachdem man sich im Kreis der Jungmannschaft einig war, dass zumindest in Amerika besser geklettert werden musste als in unserem Haufen junger Wilder, war der Schwierigkeitsgrad 6+ für alle unmöglich. Das höchste der Gefühle wäre eine Route im 6. Schwierigkeitsgrad nach unserer Eigendefinition gewesen, dieses minutiöse numerische Problem wurde jedoch durch die Generalbewertung 4 bis 5, eine Stelle 5+, die bei 95% der damaligen Erstbegehungen vergeben wurde, elegant umgangen. Vielleicht wurde aber auch diese Regel der alten Schwierigkeitsgraddeckelung deswegen eingehalten, da sie vor allem bei nichteingeweihten und gebietsfremden Kletterern immer wieder zu bösem Erwachen geführt hat; und Humor ist ja bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. Es war eine herrliche, kleine, abgekapselte Welt, in der wir Kalkkögelindianer damals unterwegs sein konnten. Natürlich wurden schwere Routen mit ernstem Charakter wiederholt und auch erstbegangen, ohne, wie es sich für echte Indianer gehört, das Gesicht zu verziehen. Aber es wurden auch noch neue Begehungsstile draufgesetzt, wie z.B. zu zweit allein, solo im Abstieg, oder es wurde unter Pseudonymen geklettert, wie z.B. ganz der damaligen Dallas- Zeit entsprechend als J.R. das Ekel und Sud-Ellen. Letzteres Pseudonym lässt unschwer auf den Alkoholspiegel des Erstbegehers zurückschließen. Als Heinz Zak mit bemerkenswerten Klettereien und Erstbegehungen in die Szene der Jungmannschaftler kam, und mit seiner Erstbegehung „Schwarzer Spaziergang“, ganz entgegengesetzt dem leichtfüssigen Namen, eine für damalige Verhältnisse doch anspruchsvolle neue Tour schuf, wurde dieser Name aufgegriffen und in einer anderen Wand aufgrund der dort herrschenden botanischen Verhältnisse als grüner Spaziergang wiedergegeben. Somit war die Zeit der Spaziergänge eröffnet und gipfelte schließlich im „graugrünen Spaziergang durch die rosarote Brille“. Die Führe „Rausch Dampfl“ stammte zwar aus einer anderen Epoche, wurde jedoch aufgrund einer typischen Kalkkögeleinzelstelle und der Persönlichkeit der Erstbegeher voll akzeptiert, waren doch sowohl Robert als auch Gaga echte Schotterveteranen und Gaga beeindruckte zudem noch mit seiner überlebten Anzahl an Flugmetern (gerüchteweise über 1000).
Ernsten Erstbegehungen wurden auch ernste Namen gegeben. So wurden die zwei damaligen Highlights der Riepenerschließung „King Crimson“ und, folgerichtig fortgeführt, die noch schwierigere Route „Super Crimson“ genannt. Der Name „Hyper Crimson“ blieb auf ewige Zeit ein Arbeitstitel.
Beide Routen dokumentieren noch heute den damals epochalen Schritt, weg von der Risskletterei hin zu den unsicherbaren, senkrechten kleingriffigen Wandstellen der Riepenwand. Run outs mit 10 und mehr Metern mussten in beiden Routen geklettert werden und wurden zu echten Herausforderungen für die damalige Kletterjugend. Beseelt vom Drang zum Besonderen und beseelt von der Idee einen Schritt weiter zu wagen, wagte ich mich nur wenige Jahre nach der Erstbegehung zur ersten Solobegehung eines dieser beiden Heiligtümer, nämlich der „King Cremson“. Dabei machte ich fehlendes Können durch extremen Einsatz und Opferbereitschaft wett. Dass die Geschichte im Fels gut ausgegangen ist, kann man daran erkennen, dass der damalige Kletterer der heutige Schreiber dieser Zeilen ist. Das klettersoziale Ergebnis dieser Aktion war jedoch ein Schritt Richtung Abgrund.
Der Bogen der Kommentare spannte sich von Missachtung bis zu Ungläubigkeit. Angesichts des hohen persönlichen Einsatzes, den mir diese Begehung damals abverlangt hatte, der erlebten Angst und der freundschaftlichen Missachtung wurde die geplante Gleichung zu einer Ungleichung. Es folgte ein Winter voller Training und Pläneschmieden, aber vor allem brach in diesem Winter eine, bis dahin trotz aller Anarchie recht heile Jugendwelt in sich zusammen. Was folgte, war ein Jahr mit vielen wilden Touren, halsbrecherischen Solobegehungen und einigen Erstbegehungen in den entlegendsten Schuttecken des Gebietes. Aber was vor allem folgte, war der erste richtige Höhepunkt in meiner Kletterlaufbahn, das erste richtig große Ziel. Damals war ich bereit, alles dafür zu geben, um dieses Ziel zu erreichen; und ich meine wirklich alles. Das Objekt der Begierde war der zentrale Pfeiler in der Riepenwand, der Riepenpfeiler; für uns war er wie ein Heiligtum. Die jeweils besten der verschiedensten Innsbrucker Klettergenerationen hatten sich bereits daran versucht. Den letzten dieser vorangegangenen Versuche starteten Robi und Michl im September des Vorjahres. Der damals noch am selben Tag von ihnen gegebene Bericht faszinierte mich so, dass diese Linie mich wie magisch in ihren Bann zog. Es war der 16.09.1980 als ich nach zwei vorangegangenen Versuchen schlussendlich allein dieses Juwel der Kalkkögelkletterei in Angriff nahm. Mit dabei hatte ich jede Menge Klettermaterial für freie und künstliche Kletterei, zwei Seile, Proviant für zwei Tage, viel Angst und einen Fotoapparat. Die Angst war zeitweise lähmend und zeitweise motivierend, der Fotoapparat half die wichtigsten Stellen und auch manchmal meine Gesichtsausdrücke zu dokumentieren und das Klettermaterial, vor allem das für die künstliche Kletterei, half mir aus manchmal schier ausweglos scheinenden Kletterstellungen heraus, zumindest eine technische Lösung für das jeweilige Kletterproblem anzugehen. Ergebnis war nach zwei Tagen meine bis damals anspruchsvollste Kletterroute in psychischer und physischer Beziehung.
Noch einmal ziehe ich zwei bis drei Sonderkreise mit meinem Drachen über diesen schaurigen Abgrund des Riepenpfeilers und bin irgendwie froh, dass er hinter mir liegt.
Mein Variometer beginnt zu piepsen und reißt mich aus den Träumen der Vergangenheit.
Ich drehe den Drachen in die aufsteigende Warmluftblase ein, steige höher und höher, bis dieser Pfeiler etwas unwichtiger und kleiner geworden ist und überquere scheinbar mühelos den Kamm der Kalkkögel von der Westseite zur Ostseite. Heute, mit dem Drachen, gelingt mir dieser Sprung in wenigen Minuten. Vor über 20 Jahren nahm es drei Jahre in Anspruch, um von der, für mich so wichtigen Begehung dieses Pfeilers auf die andere Seite der Kalkkögel zu gelangen, auf der nicht nur ein neuer Pfeiler und neue Freunde warteten, sondern auf der sich auch die Wunden schlossen, die sich durch zu viel negative Kommentare weit in meine Psyche schnitten. Vor allem jedoch lernte ich auf dieser anderen Seite Geli kennen, meine heutige Frau, die mir damals den Glauben an das Gute wiedergab. Ich ziehe ein paar weite Kreise über die warme Ostseite der Seespitze und schaue hinunter zu Geli und den Buben, wie sie gerade mit den Schiern Richtung Tal fahren. Vor zwanzig Jahren war es umgekehrt; da saß Geli mit dem Fotoapparat in der Hand gute sieben Stunden auf einem felsigen Aussichtsposten, um mich bei einer meiner wildesten Soloerstbegehungen zu fotografieren.
Nicht nur die Idee, diese Tour auszuführen, auch die Idee die Freundin als Fotografin für die Dokumentation solch einer Wahnsinnstat zu missbrauchen, gaben der Tour schlussendlich den Namen: der „Göttliche Wahnsinn“. Auf der anderen Seite der Kalkkögel hatte die Geschichte begonnen, und hier herüben wollte ich sie zu Ende bringen, eine Serie verwegener Soloerstbegehungen.
Dazwischen lagen drei Jahre, ca. 60 Erstbegehungen, und die Öffnung der Schwierigkeitsskala nach oben. Die Elite der Kalkkögelkletterer hatte eine wahre Meisterschaft in der Bewältigung der brüchigsten und steilsten Wandstellen entwickelt. Manchmal wurde von diesen Kletterern das spezielle Können, unabsicherbare Wandstellen zu klettern, die Bewegungen erfordern, welche eher an Verrenkungszustände erinnern, denn an elegante Klettereien, in die festeren und eher absicherbareren Wandzonen getragen. Dies führte zu einer handvoll Kletterrouten, die auch von Gebietsfremden ohne größere Lebensgefahr gemeistert werden konnten. Die waren Abenteuer der Stubaier Alpen lagen und liegen aber immer noch in den senkrechten und überhängenden nichtabsicherbaren Bollwerken dieser sterbenden Wände. Besagter „Göttlicher Wahnsinn“ bietet von beidem etwas. Eine an und für sich äußerst feste Route ist gepaart mit einer 25 m langen äußerst brüchigen Wandstelle. Das ganze solo erstbegangen, wurde zu einem meiner größten Stubaier Abenteuer, aber vor allem der Endpunkt einer ehrgeizigen unruhigen Kletterepoche. Erstbegehungen bis zum 8. Schwierigkeitsgrad und einmal eine Serie von 24 Erstbegehungen durchgeführt in 26 aufeinanderfolgenden Tagen lagen hinter mir.
Während ich so schwerelos an meinem Drachen hängend durch die Luft gleite, erscheint mir jedoch die Sicht zu damals versperrt, oder zumindest getrübt durch eine Nebelwand.
Heute sind für mich diese Wände mit Geschichte belegt, damals konnte ich noch Jahre danach jede einzelne dieser Kletterstellen in Form von Grifftabellen darstellen, alle Risse genau zeichnen und er war mein ganzes Leben, der detaillierte Mikrokosmos. Damals habe ich mein Ziel gesehen und habe versucht es dann zu erreichen. Heute erreiche ich mein Ziel, das man nicht sehen kann, drehe ein und freue mich über sanftes Steigen, den sinkenden Horizont und den weiteren Blick. Bereits kann ich über zwei Täler hinweg sehen und erkenne die stolzen Berge der Tribulaune, eine weitere Station bei meinem Flug durch die Zeit. Gedanken wechseln in Windeseile; fast noch schneller als ein Ortswechsel mit dem Drachen möglich ist, gleitet die Erinnerung von der Kette der Kalkkögel zu der gruseligsten Ecke der gesamten Stubaier Kletterberge, der Nordwestwand des Obernberger Tribulauns.
Bis 600 Meter ist die Wand hoch und ebenso breit, kompakt und steil. Schon von der Ferne ist der Fels unschwer als Bruch zur erkennen. Kalk wechselt mit marmorähnlichen Streifen und Schieferschichten ab, alles horizontal gelagert. Die vertikale Gliederung beherrschen drei Wasserstreifen, die den großen Schluchten des obersten Wandteils entspringen. Und dann gibt es noch die Rissreihen – fünf Stück an der Zahl. Die östlichste wurde die bis dahin verwegenste Route der Tribulaune. „der Himmel kann warten“, drückt nur annähernd die Gefühle während der Erstbegehung aus. 20 Meter rechts der gelben Meganase, kletterte ich 1982 18 verrückte Seillängen in 12,5 Stunden. Bruchkletterei als Qualität zu erkennen ist nicht jedermanns Sache. Es will gelernt und geübt werden, den Erlebniswert solcher Unternehmungen zu schätzen. Es erschien mir nach der vierten Neutour in dieser Schreckenswand nicht mehr erstrebenswert, auch noch das fünfte Risssystem zu erklettern. Die Zeit heilte alle Wunden. Verdrängt waren die Schiefereinschlüsse, die faustgroßen Steine, die manchmal wie Geschosse an uns vorbeigeschleudert wurden und die Tatsache, dass alle vier bis dahin ausgeführten Routen Klettern in einem Steinbruch, zwischen Wasser, Steinschlag, Marmor und Schiefer waren. Weder Genuss noch gesellschaftliches Ansehen waren in dieser Wand zu erwerben. Lediglich die Sockel der „Schwarzen Mannder“ in der Innsbrucker Hofkirche sind bisher hier gewonnen worden. Ein mystischer Ort vergangener Tage. Der Blick nach oben wirkte etwas lähmend. In ihrer Gesamtheit betrachtet erweckt diese schiefe Rissreihe wenig Mut. Steilheit, Brüchigkeit und Länge der Kletterei drücken aufs Gemüt. Ich weiß nicht genau, warum ich wiedergekehrt bin. Es war eine Art Fernsteuerung, eine magische Anziehungskraft. Schon einmal zuvor war ich an diesem Fleck gemeinsam mit Stefan gestanden. Die Angst war zu groß. Nein, sterben wollten wir auch damals wirklich nicht. Ich wollte vor mir selbst ein Held sein und bin desertiert. Als ich mich in die Enden des Doppelseils einband, konnte ich nicht klar feststellen, ob die Klammheit in den Fingern von der morgendlichen Kühle oder von einer inneren Angst ausgelöst wurde. Schwerfällig stieg ich die ersten leichten Meter empor. Ängstlich querte ich nach links in die erste stumpfe Verschneidung. Langsam begann ich mich nur mehr auf die jeweiligen drei Meter Fels vor mir zu konzentrieren. Die Beine waren zum Äußersten gespreizt, standen auf Miniaturleisten, während die Finger in der Ritze im Verschneidungsgrund Halt suchten. Bedächtig war die Kletterbewegung, aber allmählich löste sich die Beklommenheit. Fünf Zwischenhaken und 40 Meter weiter erreichte ich den Kopf der Schuppe. Der Einstieg in die nicht endenwollende Riss- und Verschneidungsreihe war geglückt. Die nächste Seillänge war der blanke Horror. Dunkelgelb und hellgrau, links abdrängend und mit Dächern bewehrt, zog der Riss im Verschneidungsgrund Richtung Himmel. Zumindest war er absicherbar, wenn schon schuppig und brüchig, tröste ich mich selbst.
Im Stil der Riepenverschneidung in den Kalkkögeln (VI) ähnlich, nur einen Grad schwieriger.
Die Steigerung der ernsten Klassiker der dreißiger Jahre. Nach 40 Metern begannen meine Beine zu verkrampfen. Der endlosen Spreizerei waren sie nicht pausenlos gewachsen. Aber wo ankern, wenn kein Land in Sicht war? Der Kapitän führte gegen die Meuterei des Fußvolks einen verzweifelten Kampf. Der Aufgabe nahe, spreizte ich mich gegen den Strom der Schwerkraft. Im breiter werdenden Riss bekammen nun auch die Arme das ihre zu leisten. Zwei Dächer kannten kein Erbarmen.
Das obere kamm einem Offwidth näher als mir lieb war. Klemmen mit allem, was zur Verfügung stand und Tempo. Bei der Brüchigkeit verging einem rasch die Lust auf großzügiges Höherspreizen außerhalb des Risses. Durch ihn ging es sicherer. Der Weiterweg wird dubios. Ein Meer von kleinen Dächern wirkte wie Brandung an der Steilküste. Die Angst vor dem Ertrinken wuchs. Zwar zog die Rissreihe als grober Leitfaden weiter, doch Unterbrechungen, schlechtester Fels und Steilheit wirkten beklemmend. Wie ein Schiffbrüchiger hielt ich mich die nächsten zwei Seillängen an allem fest, was herumtrieb. Große Blöcke, schlechte Haken, gefinkelte Keile und zwischendurch zwei splittrige Wandstellen forderten maximale Konzentration. Die Grenze des Erträglichen war überschritten.
Was machten wir dort eigentlich noch? Florian hatte schon lange auf Jümaren umgestellt. Bevor er sich an diesen Zacken und Splittern festhielt, schob er lieber seine Klemmen Meter für Meter höher.
Ich vermisste stark den Vorteil der Wechselführung. Die Überhänge und der Bruch des Weiterwegs wurden immer unerträglicher. Seillängen wurden zu Stunden. Das vor uns Liegende erschien mir als Ewigkeit. Nur gut, dass ich fest von der eigenen Unsterblichkeit überzeugt war. Es war noch nicht ganz Mittag, da wollte ich noch eine Seillänge inspizieren, bevor die Entscheidung über Weiterweg oder Rückzug zu fällen war. Der Riss war ein Ekel. Ein Verschneidungsgrund, rechts Dächer, links eine glatte Splitterwand; nach 45 Metern erreichte ich das Ende eines dicken Wasserstreifens. Er durchzog den oberen Wandteil und endete in dieser schiefen Linie. Der mögliche Weiterweg?
Bis Florian bei mir war, hatte ich den Mut für senkrechte Wandstellen in der Obernberger Tribulaun-NW-Wand verloren. Ohne die Entscheidung zu treffen, war sie für uns gefallen. Ich stieg den Riss weiter bis in eine große Nische, fast schon eine Höhle. Kalt zog es aus dem Inneren des Berges heraus. Die Fortsetzung der Kletterei? Es gab keine mehr; hoffnungslose Sackgasse. Gemeinsam mit meinem Leidensgenossen versuchte ich, das Motiv für den Rückzug zu finden. Wortloses Verstehen auf beiden Seiten und bleiche Gesichter, als die Seile hinunterhingen. Sie wiesen den Weg in die schrecklichen Überhänge links der Route. Wir saßen inmitten der Wüste, und der Rückzug war eine Fata Morgana. Das Ziel musste der Horizont bleiben, doch der war aussichtslos weit über uns. Mit jedem Meter, den ich weiterkletterte, schien er sich ebenfalls höher zu schieben. Endlos war das Fürchten. Einsicht war nicht mehr gefragt. Die Tatsache traf uns wie ein Keulenschlag. Vier Seillängen äußerster Angespanntheit folgten. Abwechselnd verklemmte ich den Körper im überdimensionalen Riss, spreizte dann wieder über Überhänge, um schließlich meine Finger in grasigen Erdpolstern zu vergraben.
Die Absicherbarkeit ließ viel zu wünschen übrig. Höchste Konzentration war erforderlich. Zumindest waren die Standplätze vertrauenserweckend. Stundenlanges höherschruppen forderte seinen Tribut. Hose und Finger litten arg unter der Prioritätenauswahl. Alle Mittel waren recht, um nicht zu stürzen. Knapp über dem Boden wäre es nicht besonders schwierig gewesen. Aber mit dem Zwang zum Erfolg änderte sich der Blickwinkel. Als wir spätabends die letzten Meter durch die mit Schneefeldern gespickte Ausstiegsschlucht kletterten, empfanden wir nur Dankbarkeit. Die Erlösung von „Grauen, Gruseln, Gänsehaut“. Seit „Grauen, Gruseln, Gänsehaut“ sind Jahre vergangen.
Geblieben ist die Erinnerung an Furcht und Einsamkeit. Diese Tribulaunrouten haben ein besonderes Flair. Was mit Melzers Pflerscher Tribulaun N-Wand begonnen hatte, von Rebitsch und Frenademetz in der Goldkappl S-Wand forgeführt wurde und durch Rainer und Eberharter in der Pflerscher Tribulaun NW-Wand zur Spitze getrieben wurde, haben wir versucht aufzunehmen: Abendteuerklettern in den wildesten und entlegensten Wänden der Tribulaune. Wir sind um viele Erfahrungen bereichert worden und um einen Schritt weitergekommen. Fast unverständlich erscheint mir heute unser Tun von damals. Die Eiseskälte dieses Erdenwinkels beeinflusst nicht nur den Kletterer, sondern erfordert auch heute als Drachenflieger von mir einiges an Aufmerksamkeit, da das Flair dieser Wand sogar jegliche Thermik tötet. Bevor ich zu tief sinke und zu einer Notlandung im Hinterenskar ansetzen muss, gleite ich hinaus aus diesem emotionalen Eiskeller, um die Ecke herum, zum lieblichen und wundeschönen Obernberger See. Hier hebt sich nicht nur die Luft, nein auch die Stimmung. Die fast schon gefährliche Bodennähe verwandelt sich in spielerischer Leichtigkeit wieder zu einer vernünftigen Flughöhe jenseits der 3000 Metergrenze, erweckt Wünsche nach neuen Zielen, Zielen in der Sonne, Zielen der Freude ohne Schwermut. Das Ziel meiner Erstbegehungen war, die von der Natur vorgegebenen Strukturen sowohl zum Klettern als auch zur Absicherung zu benützen und keine Bohrhaken zu verwenden. Der Bohrhaken ist eine Möglichkeit, Verzicht eine andere. Nach 21 Erstbegehungen an den Ilmwänden war es eine logische Folge für mich, auch einmal einen Versuch an der Kastenwand zu unternehmen. 28.000 Quadratmeter leicht überhängender und noch nie durchstiegener Fels standen zur Verfügung, mit insgesamt 250 Metern Höhenunterschied. Keine Risssysteme, keine Verschneidungsreihen, also keine klare, abzusichernde Linie war erkennbar. Keine Bohrhaken, und möglichst alles frei, machte ich mir zur Selbstauflage, da ich mir von dieser Wand eine Tiefe Reise in mein Inneres erwartete. Unser erster Versuch von 1983 erscheint mir heute fast wie eine Entschuldigung, bis dahin trotz eingehender Suche keine Linie gefunden zu haben. Der „Gegner“ war von lähmender Übermacht: ein psychischer Spiegel erzeugte unerträglichen Überdruck im Gehirn. Es war der falsche Weg, sich mit der Wand messen zu wollen. Der heroische Zugang über eine „Bezwingung“ erwies sich nicht gerade als richtiger Ansatz für eine Problemlösung und stellte gewisse Teile meines damaligen Denkens über das Klettern nachhaltig in Frage. Zwei Jahre später war das Ziel die Kletterbarkeit der zweiten Seillänge, nicht mehr der Wanddurchstieg. Zwei Stunden später war die Frage positiv beantwortet. „Rotpunkt“ war etwas anderes, aber wir konnten zufrieden nach Hause gehen. Bei zwei weiteren Versuchen gelang der freie Durchstieg bis zur Wandmitte und ein paar Meter hoch in verwegener Technokletterei im linken Wandteil, dann sperrten 50 Meter weißer Fels den Weiterweg. In den folgenden Jahren kamen immer wieder Zweifel über eine bohrhakenlose und freie Kletterbarkeit der Kastenwand auf. Ich freundete mich mit dem Symbol des „unmöglich für mich“ an. Es war angenehm, Abstand zu gewinnen. Die Kernfrage wurde, was besser sei: unten stehen und sich in die Wand hineindenken oder oben hängen unter dem Bröselblock und vom sicheren Unten schwärmen. Beides war nicht zufriedenstellend. Nach langem Wenn und Aber seilten wir uns über den linken Wandteil ab, um den Block zu entfernen. Ich staunte nicht schlecht, als ich fünf Meter von der Wand entfernt am Block vorbeischwebte. Die einzige gewonnene Erkenntnis dieser Aktion war die Sinnlosigkeit eines weiteren Versuchs auf dieser Linie. Tage später versuchte ich nach der vierten Länge eine neue Hoffnung im rechten Wandteil – eine erfolgsversprechende Idee. Bevor wir sie verwirklichen konnten, waren der Tage und bald auch das Jahr vorbei. Erst 1990 gelang mir dann gemeinsam mit meinem langjährigen Freund Otti Wiedmann nach einem weiteren Versuch die erste Durchsteigung. Sieben Jahre dauerte die Beschäftigung mit der Wand. Sechs Versuche, Ordnung ins Chaos zu bringen, der siebte erreichte sein Ziel. Doch alles, was ich in der Abendsonne am Ausstiegsband liegend verspürte, war Leere, eine gewisse Traurigkeit, ein so liebgewonnenes Problem gelöst zu haben. Die Kastenwand ist nun zwar kein Fragezeichen mehr, dafür bietet sie jetzt hervorragende Freikletterei in festem Fels, wo alle Haken stecken und wo trotzdem noch viel Platz für Kreativität bleibt. Das warme Licht der Nachmittagssonne erwärmt die Wände und die Schuttkarre an der Westseite des Pinnistales und versetzt so die Luft in eine tragende, sichere Aufwärtsbewegung.
Ein schwereloses, fast unwirkliches Gleiten, vorbei an all den fantastischen Klettererlebnissen vergangener Jahre führt zu einem rauschähnlichen Zustand und lässt sowohl Raum als auch Zeit immer unwirklicher werden. Ich überfliege die Pinnisalm, schaue hinunter zu den wasserüberronnenen Steilwänden am Talboden unterhalb der Kirchdachspitze und denke zurück an meinen geborgenen Raum mit diesem einen Fenster, dem erdachten Bildschirm und den gedachten Videorecordern. Auf meinem Bildschirm gab es keine Wasserfälle. Die sah ich erstmals durch die Löcher in der Wand.
Von meinem Platz aus unerreichbar funkelten die eisigen Säulen märchenhaft schön und zugleich unwirtlich feuchtkalt zu mir herein. Immer öfter begann ich vom Sofa und vom warmen Ofen wegzugehen, hinaus in die eisige Winterlandschaft, um die gläserne Vergänglichkeit der winterlichen Wasserfälle zu begreifen. Unwirkliche Schönheit überstrahlt dort draußen Nässe und Kälte.
Auf der Suche nach neuen Horizonten fand ich eine Art Paradies. Am Vorbereitungsweg zu einer der höchsten und gefährlichsten Karakorumwände lag das Pinnistal. Die Nordwand des Masherbrum war noch ein Traum, da wurde „Männer ohne Nerven“ zur Realität. Der Seilschaft Martin und Andi gelang die erste richtig schwere Eiskletterei in den heimischen Bergen. Durch Fotos und Berichte von Schottland, Frankreich und Amerika motiviert, versuchten wir nicht nur Konsumenten dieser Abenteuerberichte zu bleiben. Wir wollten selbst handeln und erleben. Woche für Woche zogen wir zu den Eiszapfen. Das Pinnistal bot Ziele für mehrere Winter. Alle Klassiker waren begangen und mit „Land am Strome“ war auch schon der Einstieg in einen neuen Schwierigkeitsbereich geglückt. Eine frei stehende Säule, am Fuß zehn Zentimeter Dick, dann eine überhängende, mit einer dünnen Eisglasur bedeckte Verschneidung und ein abschließender Quergang an Zapfen zu einem 20 Meter hohen Stalaktiten war der neue Weg im Eis. In Worten ist es für mich kaum möglich, die inneren Wellen dieser Begehung zu beschreiben. Zurückgekehrt in meine vier Wände – mit mittlerweile vielen Löchern – spielte ich mir das Video dieser Begehung mehrfach ab. Bei jeder Wiederholung konnte ich klarer sehen. Dies war der Weg in die Zukunft. Vor Jahren schon erahnte ich das „Amphitheater“ als Spielwiese moderner Eiskletterei, nachdem ich mit Doug Scott den Einstieg in die schwierigen Mixedklettereien erfahren hatte und im Lüsenstal und Schlicker Tal das Können weiter ausgebaut hatte. Aber Winter um Winter verging, und ich konnte wiederum keine kletterbare Linie in diesem Teil des Kirchdachsockels finden. Ich träumte von einem Abenteuer in den schwarzen Platten, hatte aber nicht den Mut, mein Zimmer in dieser Richtung zu verlassen. Eineinhalb Wochen lang ging ich nun schon jeden Tag ins Pinnistal zum Eisklettern. Die Form stieg im Gleichmaß mit dem Selbstvertrauen.
Eis war überall zu finden, warme Tage und klirrend kalte Nächte zauberten einen Eispalast in die schwarzen Platten des Amphitheaters. Ich spürte einen unwiderstehlichen Zug hin zu diesem Hexenkessel. „Genau in der Mitte zieht ein dünner Überzug aus Eis teilweise unterbrochen bis zum Wandfuß. Es erscheint als die flachste Linie, knapp an der Senkrechten. Christian sichert Millimeter für Millimeter. Schlecht ist es bestellt um gute Felshaken. Für Eisschrauben sind zwei bis drei Zentimeter Eis ohnehin zu wenig. Sie reichen gerade aus, um den scharfen Spitzen der Eisgeräte und Steigeisen Halt zu geben. Der Übergang von einer Schuppe auf die nächste wird jedes Mal zu einem Balanceakt auf rohen Eiern. Die Kombination von Krafteinsatz und Gleichgewichtsakrobatik bringt mich an mein Leistungslimit. Ein Grad steiler, und ich würde rückwärts aus der Wand fallen wie eine reife Pflaume. Ich denke an meine schützenden vier Wände, aber von hier gibt es keine Flucht. Hier bin ich. Jetzt, genau in diesem Moment, findet das Leben statt. Die Vergangenheit ist etwas für zu Hause.
Die Zukunft ist die nächste Scholle. Diese Erkenntnis erahnte ich oft beim Klettern. Aber bei der Erstbegehung von „Metamorphose“ war sie so hautnah spürbar, dass sie mich in meinem Denken nachhaltig veränderte. Ein Jahr später stehe ich wieder am selben Einstiegspunkt. Eine zusätzliche Neutour in diesem Kessel lag dazwischen. Gemeinsam mit Darshano und Hanspeter gelang erst wenige Wochen zuvor eine schöne Eislinie an der Kante des Amphitheaters, nur erreichbar über eine verwegene Wandstelle. Der „Magier“ hat bis heute alle Wiederholer abgeschüttelt. Vergangenen Winter reichte die „Metamorphose“ ganz bis zum Boden. Das Folgejahr war es genau umgekehrt.
Der „Magier“ und eine Linie links der „Metamorphose“ ersetzten das fehlen der Glasur des Vorjahres.
Der Versuch der Denkmalbildung scheitert, spätestens im Frühjahr, wenn die Sonne das Wasser zu neuem Leben erweckt, wird mir die Vergänglichkeit bewusst. Stunden des Glücks und der Angst stehlen sich dann als unscheinbares Rinnsal aus den Bergen davon. Unwiederbringlich sind die Eisstrukturen und die Erlebnisse. Als ich nach der überhängenden Einstiegswand an nur einem Eisgerät im Balkon über mir verankert bin und die Steigeisen noch unter dem Felsüberhang Halt suchen, wird mir bewusst, dieser Kletterzug an dieser Stelle ist vielleicht einmalig; der kommt nicht so schnell wieder. Nächstes Jahr gibt’s hier vielleicht kein Eis, oder vielleicht einen Zapfen. Aber genau dieser Zug aus der Schulter heraus, mit überkopf Einschlagen und Auspendeln am Eisüberhang, der ist nur heute, am 22. März 1992. Auf den 25 Metern der ersten Seillänge bewältige ich vielleicht 50 Kletterzüge. Zehn davon werden für immer in meinem Kopf bleiben. Über ein dünnes Eisschild erreiche ich in senkrechter Kletterei ein Dach. An der Kante hängt ein Stalaktit. Erst ganz hoch am Dachansatz wagte ich hinauszuspreizen. Mit einem gezielten Schlag verankere ich das Eisgerät in der Scholle darüber. Den Kopf lege ich weit zurück. Tropfen klatschen in mein Gesicht. Die Eisknollen in meinen Haaren beginnen durch die Wärme des Nackens zu schmelzen. Während ich das linke Gerät höher setze, blockiere ich in der rechten Schulter und im Ellenbogen. Die Spitzen der Steigeisen sind nur wenige Millimeter tief verankert, drinnen unterm Dach. Ein kräftiger Zug, und der Rest zum Stand ist senkrechter Genuß. Es war ein einmaliges Erlebnis, 25 Meter senkrecht, vier Meter horizontal ausladend; es ist eine Himmelsleiter aus Felsdächern und Eisstrukturen. Jahre später folgte gemeinsam mit Heli Neswadba noch ein weiteres Abenteuer, in Form des Kometen, in diesen Platten. Gedankenverloren in der Vergangenheit habe ich sie alle wieder bereist, die Schauplätze der wagemutigen Abenteuer vergangener Tage. Heute jedoch fast mühelos mit dem Drachen, durch keinen Motor angetrieben, nur durch Muskelkraft gesteuert und durch die verschiedenen Aufwinde getragen. Die Sonne hat bereits auf die Westflanken der Berge gewechselt und entlang des ganzen Pinniskammes stehen wunderbare thermische Bärte. Ich such mir einen schönen Aufwind aus, der mich mit ca. 20 km/h weiter in die Höhe transportiert. Die Landschaft und die Vergangenheit werden immer kleiner, unwichtiger und verschwinden schön langsam aus dem geistigen Blickfeld. Zurück im Jetzt ziehe ich die Basis meines Drachens voll durch und gleite schneller als die Polizei es auf den Autobahnen erlaubt, zurück nach Plöven, zum Haus am Hang. Nach nur wenigen Minuten eines tollen Endanfluges, welcher mich über die Früchte der Arbeit der letzten Jahre als Architekt in Form von Wohnbauten und Industriebauten im Stubaital geführt hat, finde ich mich gut 500 m oberhalb des Landeplatzes, direkt neben unserem Haus gelegen, wieder. Der Geschwindigkeitsüberschuss ist enorm, der Fahrtwind pfeift nur so am Helm vorbei. Aus purer Lebensfreude, einer Dohle gleich, beschleunige ich mittels eines Wing-overs den Drachen auf seine Maximalgeschwindigkeit und fliege als krönenden Abschluss für diesen Tag einen Riesenloop. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn der Horizont aus dem Blickfeld nach unten verschwindet, die Welt am Kopf steht und wenige Augenblicke später von oben wieder als verkehrte Welt ins Blickfeld kommt. Wie immer im Leben ist alles nur eine Frage des Blickwinkels. Es ist ein Hang mit 15° der neben unserem Haus als Landewiese dient.
Es sind nur wenige Momente vom Ausgang des Loopings über die letzte Kurve der Landeeinteilung bis zum beschleunigten Landeanflug um dann den Drachen in eine gut gezirkelte Aufwärtskurve parallel an den Hang zu lenken und erst ganz zum Schluss wieder sanften Bodenkontakt zu erhalten.
Plötzlich ist er wieder da, der Boden unter den Füßen. Der Flug war wie ein Fenster in die Vergangenheit; die Vergänglichkeit von Ort und Zeit wurde mir dieses Mal in einem besonderen Maß bewusst, vom Klettern stehen sie noch herum, diese Denkmäler der Kühnheit und des Jugendwahnsinns. Von Flügen bleiben keine Spuren. Es ist die Steigerung der Philosophie der Schotterindianer von damals, keine Spuren zu hinterlassen und niemanden zu beeinflussen.

In Memoriam Andreas Orgler