Im vorderen Stubaital, oberhalb von Fulpmes und taleinwärts von Telfes, eigentlich in keine
richtige Ortschaft eingebunden, liegt am Waldrand ein kleiner Weiler namens Plöven.
Oberhalb des Weilers ziehen schöne Bergwälder mit Föhren, Lärchen und Fichten über die
Berghänge hinauf, bis unter die Schrofenspitzen der Kalkkögel; zur anderen Seite des
Weilers breitet sich eine große ca. 15° nach Osten geneigte Bergwiesenfläche Richtung den
Ort Telfes aus, und genau an der oberen Ecke des Weilers, an der Grenze zum Wald und zu
der Wiesenfläche, steht ein Haus mit klar geschnittenen Linien, für den Einheimischen eher
auszumachen als ein Felsklotz, der von den Bergspitzen hoch oben heruntergefallen ist.
Die ersten Sonnenstrahlen eines wunderschönen Frühlingstages treffen soeben auf die
Nordostseite des Hauses und lassen es im ersten warmen Licht des Tages und im schlichten
Weiß des Verputzes, im Gegensatz zu dem fetten Grün der Wiesen und der Wälder
interessant erscheinen und in Beziehung treten, zu den im Hintergrund erkennbaren weißen
Bergspitzen der Stubaier Gletscherberge.
Es ist nicht irgendein Haus, es ist unser Haus.
Nach einer harten Arbeitswoche liege ich noch faul im Bett, schaue zum in Augenhöhe
gehaltenen Schlafzimmerfenster hinaus, über Telfes hinweg zum Patscherkofel und genieße
noch gedankenverloren vor dem endgültigen Aufwachen ein paar ruhige Minuten in einem
ausgewogenen Raum mit Blick hinaus in eine herrliche Alpenlandschaft. Noch schläft die
Familie und ich wechsle den Ort vom Bett zu einem Sofa im Wohnraum.
Wie ein Fisch in
einem Riesenaquarium sitze ich in dieser Raumkapsel mitten im Stubaital mit Blick über das
gesamte Tal. Und es ist nicht ein normaler Raum mit einem klaren Innen und einem Fenster
um hinauszuschauen; vielmehr ist es eine Verschmelzung zwischen Drinnen und Draußen,
ein Spiel, nicht nur mit den räumlichen Grenzen, über Jahre erdacht im eigenen Kopf. Früher
einmal lebte ich in Räumen mit Fenstern, sowohl im alltäglichen Leben als auch im Leben als
Kletterer.
Durch die Kletterei wurde mir klar, dass mein Leben oft in gedanklichen Zimmern
stattgefunden hat. Anfangs war ein Raum mit einem Fenster. Aus der Geborgenheit der
Wände beobachtete ich das Draußen durch diese Öffnung, ohne dabei die schützende Hülle
zu verlassen.
Jede größere Alpinkletterei bedeutete ein Loch in diesen Wänden. Immer mehr
wurde mir bewusst, dass ich ein kleiner Teil des Ganzen bin. Der vermeindliche Schutz der
Hülle entpuppte sich als Trugschluss. In diesem Raum war auch ein Fernsehapparat und ein
Videorecorder.
Viele Tätigkeiten meines Alltags waren nur Sendungen in verschiedenen
Programmen.
Auch manche Klettereien erschienen als Sportnachricht oder als
Sportnachmittag.
Hatte ich genug davon, konnte ich jederzeit einen sicheren Stand
einrichten und abseilen. Es war wie das betätigen des Ein/Aus Knopfes für den Bildschirm.
Bei gewissen Stellen war es mir nicht möglich, das erste Mal schon alles zu verstehen. Der
Videorecorder trat in Aktion. Vorlauf – Rücklauf, Zeitlupe oder Standbild; alles ist auf diesem
Gerät sooft wiederholbar, bis man es verstanden hat oder bis man es satt hat, immer wieder
dasselbe in der Reprise zu sehen. Das BBdach oder auch viele schwierige
Klettergartenstellen – ich besaß sie mittlerweile alle auf Band. Es waren keine wirklichen
Filme, aber sie waren genauso mechanisiert, abrufbereit und archiviert, war dies alles nach
Bedarf auf meinem Bildschirm via Videotape konsumierbar. Durch diese Löcher, die die
Alpinabenteuer in meine vier Wände gerissen hatten, blies kalter Wind herein. Durch diesen
kalten Wind wurde ich wachgerüttelt und sah auf einmal mehr als nur durch dieses erste eine
Fenster. Es war ein langer Weg vom Raum mit einem Fenster bis zur Hülle, die das Draußen
und Drinnen verschmelzen lässt, im Inneren sieben verschiedene Plätze für verschiedene
emotionale Zustände bietet und eigentlich mehr eine Landschaft als ein Haus ist. Es ist das
Ergebnis vom mehrfachen Überschreiten von Grenzen; Grenzen in der Sehgewohnheit,
Grenzen im Kopf; Grenzen bei der Begegnung mit der Natur und Grenzen im menschlichen
Bereich; eben ein Abenteuer.
Und wie ich da so sitze und meinen Gedanken nachhänge,
wandert der Blick über die einzelnen Bergspitzen bis ganz hinten hinein ins Pinnistal zur
noch im Dunklen stehenden Kastenwand. In diesem Tal ist sie der Inbegriff von
Unnahbarkeit. Gleich wandern auch meine Augen weiter an den Serleskamm bis hin zu den
angenehm ruhigen, hügeligen Formen der Gleinser Höhen und dem Patscherkofel. Es ist
noch früher Morgen und trotzdem bildet sich schon ein erstes ganz kleines zartes Wölkchen
über dem Gipfel des Patscherkofels. Wunderschön reflektiert es das warme Licht der
Morgensonne und ich beobachte das kleine Wölkchen auf seinem langsamen Zug Richtung
Nordosten, wo es sich nach wenigen Minuten wieder auflöst. Es ist ganz sachte gekommen,
war wunderschön und hat sich, ohne eine Spur zu hinterlassen, wieder aufgelöst. Es war ein
Schauspiel von Zeit und Raum wie es jede Minute am Himmel irgendwo vorkommt, aber es
bedurfte offensichtlich der Muse der Morgenstunde, um es wahr zu nehmen.
Ein Erdbeben der Stärke 10 reißt mich aus meinen Tagträumen. Die Stiegenanlage im
Zentrum des Hauses, die gleichzeitig die Funktion der Bibliothek erfüllt und aus einzelnen
Brettelementen zusammengestellt ist, droht einzustürzen. „Papa“, „Guten Morgen“ wie ein
Wirbelwind stürmen die zwei Buben, unsere „Spezialterroreinheit“ über die zwei Geschosse
von Ihren Dachzimmern in den Wohnraum herunter. Gerade sind Sie aufgewacht und es
wäre ja durchaus möglich, dass sie etwas versäumen können. Und bevor man sich versieht,
kommt Leben ins Haus. Spiele finden wie von selbst den Weg aus dem Kasten auf den
Fußboden, das Frühstück wird bestellt, das Programm für den Tag wird gefordert. Es ist
nicht leicht an einem Familientag alles unter einen Hut zu bringen und es erfordert taktisches
Geschick um dabei nicht selbst unter die Räder zu kommen. Noch ganz im Zeichen der sich
bereits aufgelösten Wolke am Patscherkofel versuche ich der Bande einen Ausflug aufs
nahegelegene Kreuzjoch vorzuschlagen. Es liegt 1.100 Höhenmeter über unserem Haus,
der Schibetrieb hat für die heurige Saison vor einer Woche geschlossen und somit sind die
Pisten noch in gut präpariertem Zustand. Wie wäre es also, würden wir vier aufs Kreuzjoch
wandern und dabei den Lawinen beim Herunterstürzen über die Kalkkögelwände zusehen?
Selbstverständlich würden wir natürlich unsere Sportgeräte mitnehmen, um den „Abstieg“
möglichst freudvoll zu gestalten.
Für Geli und die Kinder stünde somit eine Schitour am
Programm und für mich wäre nach gemeinsamen Aufstieg ein Drachenflug möglich. Oft habe
ich sie bewundert und beneidet, die Menschen die fliegen konnten. Selbst wollte ich bereits
Hubschrauberpilot werden oder noch früher Drachenfliegen. Aber nie hatte sich die
Möglichkeit ergeben, das Fliegen zu erlernen.
Die Zeit war nicht multiplizierbar und in der mir
zur Verfügung stehenden Stundenmenge pro Tag hatte ich es nie geschafft, ausreichend
Zeit für eine Fluglehre zu finden. Das Klettern, die Familie, der Beruf war bisher immer ein
magisches Dreieck indem abzüglich ein paar Stunden Schlaf, meine gesamte Tageszeit
aufgebraucht wurde. Die Entscheidung zur beruflichen Selbstständigkeit erforderte dann
jedoch fast 100% der Energie zum Aufbau eines eigenen Büros, forderte viel Geduld bei der
Familie und den Verzicht auf die so heiß geliebte Kletterei.
Als dann die berufliche Schlinge um den Hals sich wieder etwas lockerte, stand die
Entscheidung zum Wiedereinstieg in eine Sportart an.
Der Kontakt zu den Kletterfreunden
war verständlicherweise weniger geworden und leider sind auch nicht wenige von Ihnen in
den Jahren verunglückt. Wie der Zufall es so wollte, entführte mich dann mein Freund Robi
Schmidt in die Luft und das neue, unsichtbare Medium zog mich voll in seinen Bann. Ein
Abendteuer ging zu Ende, ein neues begann. Gefühle wie früher beim Klettern wurden wach.
Alles war neu, alles war interessant, es galt zu lernen und den Horizont zu erweitern. Es war
ein weiterer Schritt, heraus aus dem Trott des Alltags, hinein in die Faszination einer neuen
Sicht der Welt.
Beim Frühstück im Sonnenschein, beschloss der vollständig versammelte Familienrat den
Vorschlag anzunehmen. Früher fuhr ich mit dem Fahrrad von meinem damaligen Zuhause in
Innsbruck hinein auf die Kemater Alm, um anschließend eine Solobegehung der
Riepenwand vorzunehmen, oder auch Jahre später, von der Wohnung in Neustift an kalten
Wintertagen zu Fuß ins Pinnistal zu gehen und den gesamten Tag mit Eisklettern
zuzubringen und anschließend mit der Rodel wieder nach Hause zu fahren. Ich habe sie
immer schon gemocht, die Touren die ohne Motorantrieb von zu Hause in die Berge geführt
haben und wieder zurück. Somit kann man sagen, wurde eigentlich die Entscheidung für
einen Tag in alter Manier getroffen. Zu Fuß von zu Hause hinauf aufs Kreuzjoch um dann auf
verschiedenen Wegen sich wieder zu Hause zu treffen.
In bester Tradition, der in den 80iger und 90iger Jahren gemeinsam mit meinen Partnern
durchgeführten Big-Wall Klettereien in Alaska, schleppte ich auch diesmal einen großen
Sack mit 5 m Länge und angefüllt mit fast 40 kg Sportgerät hinter mir nach, in Richtung
Schlick. Am Rücken hatte ich das 8 kg schwere Gurtzeug, am Klettergurt befestigt war ein
Seil, an dem der Drachen und die Schi der Kinder nachgezogen wurden. Während die
Kinder auf der noch immer präparierten Piste wie junge Hunde herumtollten, schleppte auch
Geli einen schweren Rucksack mit den Schischuhen der Kinder und den nötigen Getränken
und Essensvorräten bergauf. Der Weg führte vorbei an der Schlickeralm, dem Heimathaus
meiner Frau Geli. Weiter ging die Reise vorbei an den Wandfüßen von Ochsenwand,
Riepenwand und Seespitz. Unter lautem Getöse beobachtet wir die über die Wände
stürzenden Nassschneelawinen des noch immer jungen Frühlingstages. Verwegen schauten
sie aus, die Fels- und schneedurchsetzten schroffen Abbrüche zwischen den einzelnen wie
Canyons eingeschnittenen Rinnen der Felswände. Früher waren diese Schrofenzonen das
Ziel meiner Steilwandschiabfahrten.
Von fast allen größeren Gipfeln der Kalkkögel hatte ich
über Jahre hinweg diese Abfahrten gesucht. Teilweise bis zu 60° steil und mit Felsabbrüchen
bis zu 5 m senkrecht waren sie eine echte Herausforderung für einen wilden jugendlichen
Schilauf. Jahrelang hatte ich früher als Mitglied der Lawinenkommission diese Bergflanken
beobachtet und konnte gut den idealen Zeitpunkt für Schiabenteuer wählen. Manche dieser
Touren fanden in aller Stille statt, manche waren für die Vis’a’vis im Schigebiet der Schlick
schilaufenden Touristen ein aufregendes Spektakel.
Die Hüften schmerzten vom fast zweistündigen Ziehen des 40 kg Sackes. Der Atem ging
schwer und trotzdem mussten die vielen neugierigen Fragen der Kinder immer wieder
beantwortet werden.
Für sie zwar eindrucksvolle, jedoch noch bedeutungslose Berge,
wurden auf einmal mit Geschichten belegt. Somit wurden Wandzonen, Rinnen und Gipfel
aus der Anonymität endloser Schutthäufen herausgerissen und durch diese Geschichten mit
Geschichte belebt. Noch fehlen Ihnen die eigenen Erlebnisse in den einzelnen
Landschaftsteilen und sie konsumierten die Geschichten von Geli und mir teilweise wie
erzählte Actionfilme.
Wo vor einer Woche noch bis zu 2.000 Leute am Tag die Abfahrten belebt hatten, genießen
wir jetzt Einsamkeit. Wenn die Fragestunde einmal Pause machte, hörte man das Rinnen
der Schmelzbäche, das Singen der Vögel und das Donnern der Lawinen.
Das Kreuzjoch wurde erreicht, gerade bevor die Geschichten ausgingen, der Atem den
Anforderungen nicht mehr nachkam und das Interesse der Buben am Bergsteigen kippte.
Hier heroben war die Freiheit noch größer als im Tal. Der Horizont war abgesunken, auf
Aughöhe lagen die Grate der Stubaier Alpen mit ihren Zinnen, Türmen und Wandabbrüchen,
unter uns das Tal mit seinen Menschen und ihren Sorgen und Wichtigkeiten und über uns
wölbte sich ein tiefblaustrahlender Frühlingshimmel mit ganz wenigen kleinen Haufenwolken
und dem angenehm wärmenden runden Feuerball der Sonne. Wir hatten diesen Zielpunkt
aus eigener Kraft erreicht, messbar erlebt durch die Anzahl der eigenen Schritte, die eigene
körperliche Leistung. Somit erhielt der Weg ein Maß in Länge und Höhe und auch die
Erlebnisgeschwindigkeit war angepasst auf das für uns Menschen begreifbare Maß der
eigenen Leistungsfähigkeit. Die Landschaft war nicht mehr nur ein Bild, betrachtet durch ein
Fenster in einem Raum, wie ein Fernseher oder eine Fiktion in einem Mikrokosmos, nein sie
wurde zur erlebten Wirklichkeit. Sie erhielt ihren Maßstab. Sie bekam Größe, Höhe, Weite,
durch die Lawinen beeindruckende Mächtigkeit und durch die erzählten Geschichten eine
zeitliche Dimension.
Und all das reflektierte zurück auf uns und gab auch uns wieder einen
wirklichen Maßstab.
Einen Maßstab für die eigene Wichtigkeit, die eigenen Anliegen und
Wünsche. Klein sind sie geworden die Alltagssorgen, ja ich möchte fast sagen, sie sind im
Tal geblieben.
Und der Wunsch war da, noch höher zu steigen, um noch weiter sehen zu
können und um die Verkleinerung des Maßstabs noch weiter treiben zu können. Aber es war
eine Grenze da, der Berg war zu Ende. Die Flanke über die wir hinaufgestiegen waren
endete an einem Grat und auf der anderen Seite des Grates fiel eine andere Flanke wieder
in ein anderes Tal ab, um an einer weiteren Seite des Tales wieder als Flanke anzusteigen,
wieder einen Grat zu erreichen um dahinter wieder abzufallen und immer so weiter bis, wer
weiß wo, außerhalb der für das Auge erkennbaren Wirklichkeit sich endlos weiter zu
wiederholen, oder sanft auszulaufen. Ob die Erde nun wirklich eine Kugel oder eine Scheibe
ist, war von diesem Standpunkt aus nicht zu erkennen.
13,5 m² Spezialstoff, 1 Kiehlrohr, 2 Flügelrohre, 1 starker Querholm und 28 Segellatten
sowie 1 dreieckiges Gestänge darunter, mit ein paar 2 mm starken Drahtkabeln verspannt,
ist die moderne Variante zu den mit Bienenwachs verklebten Federflügeln des Ikarus. Auch
er wollte über den Horizont schauen, aber kam dabei offensichtlich den Göttern zu nahe.
Noch stehe ich mit beiden Beinen fest am Boden der Startrampe, auf den Schultern den 35
kg schweren Drachen und beobachte die Luft, in der es für das Auge nur scheinbar nichts zu
erkennen gibt. Die Gräser und Baumspitzen wiegen im Wind, und die Wolken, einige hundert
Meter über mir, beginnen langsam zu wachsen. Noch liegt im Tal eine leichte Inversion, die
man an ihrer anderen Färbung erkennen kann. Aber als ein Greifvogel und mehrere Raben,
ohne einen einzigen Flügelschlag kreisend, immer höher kommen, ist der Zeitpunkt für den
Start gekommen. Es sind nur drei, vier Schritte über eine steile Rampe in den Wind, eine
scheinbar leichte Tätigkeit, aber in Wirklichkeit ein emotionales Abenteuer. Es ist ein
Loslösen vom Gewohnten, vom Vertrauten, vom Boden, ein Abschied von der Frau und von
den Kindern, ein Schritt in eine andere Welt.
Normalerweise bewegt man sich als Mensch
auf einer Oberfläche, auf einer Grenzlinie zwischen zwei Materien. Nur beim Tauchen und
beim Fliegen erlebt man die Exklusivität einer Materie. Mühelos geht es nach oben und nach
unten, und in alle Richtungen. Es ist ein labiler Gleichgewichtszustand zwischen der
Aufwindkraft der Thermik und der nach unten ziehenden Schwerkraft. Es ist ein Schweben,
bei dem man ganz alleine ist und bei dem die Landschaft nach unten entschwindet. Der
Himmel wird immer blauer, der Horizont wird immer weiter und man muss nur hoch genug
steigen, um zu sehen, dass die Erde tatsächlich rund ist. Angelangt bei der Basis der Wolken
erhält der Himmel doch noch einen Deckel. Nach einigen Minuten des schwerelosen
Aufkreisens schaue ich nun das erste Mal wieder nach unten und erkenne die mir über so
viele Jahre lieb gewordenen schroffen Kalkzinnen der Stubaier Kletterberge. Wie Finger
ragen sie aus den verschneiten Karen Richtung Luft herauf und scheinen nach den Wolken
zu greifen. Wie wunderschöne Miniaturen stehen sie da, die großen Träume meiner
Klettervergangenheit, überzogen mit einem Netz von Routen, geklettert von oftmals das
Leben riskierenden, jungen, wilden Hunden, angefangen von Melzer über Auckenthaler,
Rebitsch, Buhl bis zu uns damals jungen Schotteranarchisten der Innsbrucker
Jungmannschaft.
Jetzt liegt es da, das Netz der Routen, wie ein Friedhof von
Abenteuerleistungen, heute kaum mehr beklettert, nur mehr mit Ehrfurcht besucht. Aus der
Luft gesehen sind die im Kopf der Kletterer lebenden Berge unter einer schaurigen
Schuttschicht verbergen; der Schutt liegt nicht nur in den Karen sondern auch auf den
Gipfeln; nicht einmal die kleinste Zinne ist von diesem Phänomen ausgenommen und auch
mir treibt dieser Anblick einen leichten Schauer auf den Rücken.
25 Jahre sind vergangen,
seitdem ich meine ersten zaghaften Kletterversuche in diesen wilden Türmen gemeinsam mit
meinem Freund Michael unternahm. Es waren tolle Abenteuer; jede einzelne dieser
Kletterrouten war ein prägendes Erlebnis. Ich habe die Gegend durchwandert, durchklettert,
und in einem Führerwerk beschrieben und anhand von unzähligen Wandfotos und
Topozeichnungen durchdacht. Bis auf zwei Routen habe ich alle Kletterführen im 5.
Schwierigkeitsgrad und darüber in den gesamten Stubaier Alpen beklettert. Die Klettereien
haben mir viel gebracht und auch viel gekostet. Jede einzelne wurde zu einem
unvergesslichen Erlebnis, hat meine Persönlichkeit geformt und den Maßstab der
Wertigkeiten zurechtgerückt. Während ich so gedankenverloren über der Pfrimesnadel,
meiner ersten Klettertour in dieser Gegend, in einem sanften Aufwind kreise, kommt mir die
Idee, diesen schönen Frühlingstag für einen Flug in die Vergangenheit zu nützen. Weite
Reisen durch die Luft hat mir mein Drachen schon geschenkt. Flüge mit 250 km und mehr
habe ich erleben dürften.
Aber wie wäre es, in einem Flug alle Kletterwände der Stubaier zu
besuchen und aus der Luft die Erinnerungen wieder zu wecken? Erzählt man heute
Kletterern von anspruchsvollen Abenteuern und tollen Kletterrouten in den Stubaier Alpen,
so zieht sich ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht.
Unter den Einstiegen dieser Wände
werden dieselben Gesichter jedoch in höchstem Maße konzentriert und ernst. In dieser
Gegen ist kein Rekord möglich, die Schwierigkeitsziffern erschrecken niemanden. Die nicht
vorhandenen Bohrhaken und die Pflicht zur Selbstabsicherung der Routen quält die Gemüter
der Kletterer. Nur wer tiefste Verbundenheit mit dieser Art von Natur lebt, kann in dieser
Gegend schwierige Routen klettern. Fast kommt der Eindruck auf, nur diese Spezies von
Kletterern wird von den Bruchwänden geduldet; alle anderen werden vor dem Einstieg vom
Steinschlag verjagt, oder vom Gezirze der Graswiesen betört und abgeworben, um den Tag,
anstatt in den senkrechten gelbschwarzen Wänden zu verbringen, mit entspanntem Liegen
in den warmen Almwiesen zu genießen.
Manchmal werden Kletterer auch von den Wänden
selbst verächtlich abgeworfen. Dass manch einer dabei sein Leben lies, trug zur heute
vorhandenen Einsamkeit der Wände weiter bei. Teilweise kreisen wahre Horrorgeschichten
um diese teilweise nur 40 m hohen Türme, die, versteinerten Sagengestalten gleich, vom
Grat aus in die Ferne schauen. Aus der Luft betrachtet wirken Kuno Rainers Ostwand des
Wieserturms, oder Südostwand der Melzernadel, oder seine Südwand an der westlichen
Nadel gemeinsam mit Hias Rebitsch begangen, sowie auch meine eigene Route am
Nadelsockelturm wie lächerliche kleine Kieselsteine. Aber ich kann mich noch gut an jede
einzelne Begehung dieser Routen erinnern und mir ist auch heute noch allzu gut bewusst,
dass ich für jede einzelne mehr Mut, Überwindung und Konzentration aufbringen musste, als
z.B. für die 1.600 m hohe Eigernordwand. Wenn die Sicherung schlecht bzw. nicht
vorhanden ist, und die Brüchigkeit des Griffes vom Begeher falsch bewertet wird, dann ist es
ziemlich einerlei, wie lang der Sturz ins Bodenlose dauert; sind es 40 m oder 1.500, am Ende
ist das Ergebnis dasselbe. Das typische an allen Kalkkögelklettereien und an den
Turmklettereien im Besonderen, war immer, dass es sich um die Bewältigung von
ausgeprägten Mutstellen handelte. Im jugendlichen Wettbewerbsfieber wurde meistens
daraus ein Triathlon besonderer Art kreiert. Natürlich war der Kern des Bewerbes die stilvolle
Bewältigung von an und für sich, mit normalen Kletterzügen, nicht bewältigbaren kurzen
Kletterungetümen; meist wurde der zweite Bewerb, das Biertrinken, zeitlich nach taktischen
Kriterien eingesetzt. Galt es, ein Fest zu feiern, wurde dieser Bewerb auf den Abend verlegt,
galt es die Nerven zu beruhigen, wurde er meist der Kletterei vorgezogen. Zu aller
Belustigung und zur Intakthaltung des sozialen Gefüges der Klettergemeinschaft gesellte
sich der dritte Bewerb hinzu. Hierbei gab es immer Geber und Nehmer. Die Geber waren die
Freunde, die die Kommentare zur Leistung beim Klettern geben durften; diese reichten in
einer genau skalierten Abstufung von großer Bewunderung für den Stil des Begehers, über
abschätzige Kommentare zu gerade noch gut gegangenen Überlebenstrainings, bis hin zum
Ausdruck der Unglaubwürdigkeit für eine dargebotene Leistung. Sowohl Lob als auch Kritik
kamen immer direkt und unmissverständlich. Und somit war eigentlich der dritte Bewerb
dieses Triathlon bereits schon die soziale Preisverteilung. Ort derselben war jedes Mal die
Pichlerhütte und statt fand sie immer in Wort und Schrift. Für die schriftliche Ausführung gab
es ein Hüttenbuch, das in seiner zweibändigen Ausführung alle Kletteraktivitäten seit den
30iger Jahren des letzten Jahrhunderts dokumentierte; womit eigentlich bereits eindeutig die
Frequenz der Klettertätigkeit im gesamten Gebiet belegt ist.
Die verbale Ausführung war im
positiven Fall ein nettes anerkennendes Gespräch mit allen Freunden, im Fall eines Sturzes
die Ehre eine sogenannte Lisl (ein 3 Liter Krug gefüllt mit Bier) bestellen zu dürfen und die
Runde gehen zu lassen und im schlechtestmöglichen Fall eine nonverbale Kommunikation
oder zumindest keine direkte, was soviel bedeutet, dass mit dem Ziel der Attacken, dem
Nehmer, kein Kontakt gesucht wurde, aber in seiner Abwesenheit mit heftigster Munition auf
das Opfer geschossen wurde. Der letztgenannte Preis war besonders lang anhaltend und
eindrucksvoll und ich weiß wovon ich rede, war ich doch einige Male besonders
schmerzlichen Kommentaren ausgesetzt. Gipfel dieser Erlebnisse war der Riepenpfeiler, der
von meinen Freunden den Schwierigkeitsgrad 3 nach unserer dreiteiligen Skala
zugesprochen bekam. Aufgebracht wurde die damalige Einstufung für Insider-
Kalkkögelklettereien von einem offensichtlichen Mathematikgenie, welches es geschafft
hatte, die Welt, zumindest die kletternde, auf eine einfache Formel zu reduzieren, die da
lautete:
1 bedeutet easy, 2 bedeutet noch easier, 3 bedeutet glaube ich nicht; allein schon daran
konnte man die besondere Leichtigkeit des Seins erkennen. Wie bin ich froh, dass es beim
Fliegen die GPS-Dokumentation und den Online-Contest gibt. Es ermöglicht sorgenlos das
Dokumentieren jenseits jeglicher Diskussion. Aber gegen die natürlichen Gesetzmäßigkeiten
der Luft erscheint die Kletterei der Kalkkögel als reine Anarchie. Ich war sehr jung, voll
Tatendrang und wollte um alles in der Welt eine besondere Leistung bringen. Klettern hat
mich damals viel gekostet, vor allem viele, viele Nerven, in den langen Jahren danach das
Leben von vielen Freunden und manchmal auch fast das eigene.
Nicht nur vom Boden aus, nein auch aus der Luft ist die Riepenwand die beeindruckendste
Felsmauer der ersten Kette der Stubaier Kletterberge, der Kalkkögel. Ohne Zweifel sind in
dieser Wand die lohnendsten und ernstesten Klettereien des Gebietes, bzw. wurde bereits
immer wieder Innsbrucker Klettergeschichte an ihr geschrieben. Die Ernstheit, die
Sicherungsfeindlichkeit, die Voraussetzung der absoluten Beherrschung des
Schwierigkeitsgrades und die notwendige Entschlossenheit trennte bereits immer schon vor
dem Einstieg die Spreu vom Weizen der Kalkkögelkletterer, wenn beim Annähern an diese
Wand die Mauer immer steiler in den Himmel zu wachsen begann. Es war die zweite Hälfte
der 70iger Jahre des letzten Jahrhunderts, als vor allem drei junge Innsbrucker das Klettern
in den Kalkkögeln neu definierten. Sie brachen sowohl durch Ihre Kletterakrobatik, ihren
bewussten Verzicht auf Sicherungsmittel und ihre kryptischen Kommentare über bis dahin
erbrachte Leistungen verkrustete Strukturen auf. Es waren Robert Purtscheller, Michel Wolf
und Reinhard Schiestl, die als erste eine neue Kletterphilosophie in diese Wände trugen.
Nicht nur ihre gekonnten Kletterbewegungen ließen an Indianer erinnern, sondern vor allem
auch das Bestreben, keine Spuren zu hinterlassen und niemand anderen mit dem eigenen
Tun zu beeinflussen. Es war die Zeit, in der die Dauer von Seillängen in gerauchten
Zigaretten gemessen wurde, der bereits zaghaft eingeführte Bohrhaken geächtet wurde und
die Ehrfurcht vor dem Althergebrachten den Bach hinuntergeschwämmt wurde. Es war die
Zeit in der ich zu klettern begann und es erfüllte mich mit Stolz und Freude mit diesen drei
Kletterhäuptlingen manchmal auch im geheiligten Gebiet der Kalkkögel unterwegs sein zu
können. Wenn irgendwie möglich, wurde jegliches Regelwerk missachtet, zum einen um
persönliche Freiheit zu gewinnen und weiters noch um sich an der Reaktion der
Regelersteller und Regelbefolger erfreuen zu können.
Einzige Ausnahme in dieser Anarchie
war die damals in der Alpinliteratur gültige, verkrustete Regel, dass das oberste Ende des
Schwierigkeitsskala der 6. Grad war. Somit wurde die Schwierigkeitsdefinition der gerade
eröffneten Pumprisse, nach einer frühen Wiederholung derselben, nichteinmal missachtet,
einfach nicht wahrgenommen. Nachdem man sich im Kreis der Jungmannschaft einig war,
dass zumindest in Amerika besser geklettert werden musste als in unserem Haufen junger
Wilder, war der Schwierigkeitsgrad 6+ für alle unmöglich. Das höchste der Gefühle wäre eine
Route im 6. Schwierigkeitsgrad nach unserer Eigendefinition gewesen, dieses minutiöse
numerische Problem wurde jedoch durch die Generalbewertung 4 bis 5, eine Stelle 5+, die
bei 95% der damaligen Erstbegehungen vergeben wurde, elegant umgangen. Vielleicht
wurde aber auch diese Regel der alten Schwierigkeitsgraddeckelung deswegen eingehalten,
da sie vor allem bei nichteingeweihten und gebietsfremden Kletterern immer wieder zu
bösem Erwachen geführt hat; und Humor ist ja bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. Es
war eine herrliche, kleine, abgekapselte Welt, in der wir Kalkkögelindianer damals unterwegs
sein konnten. Natürlich wurden schwere Routen mit ernstem Charakter wiederholt und auch
erstbegangen, ohne, wie es sich für echte Indianer gehört, das Gesicht zu verziehen. Aber
es wurden auch noch neue Begehungsstile draufgesetzt, wie z.B. zu zweit allein, solo im
Abstieg, oder es wurde unter Pseudonymen geklettert, wie z.B. ganz der damaligen Dallas-
Zeit entsprechend als J.R. das Ekel und Sud-Ellen. Letzteres Pseudonym lässt unschwer auf
den Alkoholspiegel des Erstbegehers zurückschließen.
Als Heinz Zak mit bemerkenswerten Klettereien und Erstbegehungen in die Szene der
Jungmannschaftler kam, und mit seiner Erstbegehung „Schwarzer Spaziergang“, ganz
entgegengesetzt dem leichtfüssigen Namen, eine für damalige Verhältnisse doch
anspruchsvolle neue Tour schuf, wurde dieser Name aufgegriffen und in einer anderen
Wand aufgrund der dort herrschenden botanischen Verhältnisse als grüner Spaziergang
wiedergegeben. Somit war die Zeit der Spaziergänge eröffnet und gipfelte schließlich im
„graugrünen Spaziergang durch die rosarote Brille“. Die Führe „Rausch Dampfl“ stammte
zwar aus einer anderen Epoche, wurde jedoch aufgrund einer typischen
Kalkkögeleinzelstelle und der Persönlichkeit der Erstbegeher voll akzeptiert, waren doch
sowohl Robert als auch Gaga echte Schotterveteranen und Gaga beeindruckte zudem noch
mit seiner überlebten Anzahl an Flugmetern (gerüchteweise über 1000).
Ernsten
Erstbegehungen wurden auch ernste Namen gegeben. So wurden die zwei damaligen
Highlights der Riepenerschließung „King Crimson“ und, folgerichtig fortgeführt, die noch
schwierigere Route „Super Crimson“ genannt. Der Name „Hyper Crimson“ blieb auf ewige
Zeit ein Arbeitstitel.
Beide Routen dokumentieren noch heute den damals epochalen Schritt,
weg von der Risskletterei hin zu den unsicherbaren, senkrechten kleingriffigen Wandstellen
der Riepenwand. Run outs mit 10 und mehr Metern mussten in beiden Routen geklettert
werden und wurden zu echten Herausforderungen für die damalige Kletterjugend. Beseelt
vom Drang zum Besonderen und beseelt von der Idee einen Schritt weiter zu wagen, wagte
ich mich nur wenige Jahre nach der Erstbegehung zur ersten Solobegehung eines dieser
beiden Heiligtümer, nämlich der „King Cremson“. Dabei machte ich fehlendes Können durch
extremen Einsatz und Opferbereitschaft wett. Dass die Geschichte im Fels gut ausgegangen
ist, kann man daran erkennen, dass der damalige Kletterer der heutige Schreiber dieser
Zeilen ist. Das klettersoziale Ergebnis dieser Aktion war jedoch ein Schritt Richtung Abgrund.
Der Bogen der Kommentare spannte sich von Missachtung bis zu Ungläubigkeit. Angesichts
des hohen persönlichen Einsatzes, den mir diese Begehung damals abverlangt hatte, der
erlebten Angst und der freundschaftlichen Missachtung wurde die geplante Gleichung zu
einer Ungleichung. Es folgte ein Winter voller Training und Pläneschmieden, aber vor allem
brach in diesem Winter eine, bis dahin trotz aller Anarchie recht heile Jugendwelt in sich
zusammen. Was folgte, war ein Jahr mit vielen wilden Touren, halsbrecherischen
Solobegehungen und einigen Erstbegehungen in den entlegendsten Schuttecken des
Gebietes. Aber was vor allem folgte, war der erste richtige Höhepunkt in meiner
Kletterlaufbahn, das erste richtig große Ziel. Damals war ich bereit, alles dafür zu geben, um
dieses Ziel zu erreichen; und ich meine wirklich alles. Das Objekt der Begierde war der
zentrale Pfeiler in der Riepenwand, der Riepenpfeiler; für uns war er wie ein Heiligtum. Die
jeweils besten der verschiedensten Innsbrucker Klettergenerationen hatten sich bereits
daran versucht. Den letzten dieser vorangegangenen Versuche starteten Robi und Michl im
September des Vorjahres. Der damals noch am selben Tag von ihnen gegebene Bericht
faszinierte mich so, dass diese Linie mich wie magisch in ihren Bann zog. Es war der
16.09.1980 als ich nach zwei vorangegangenen Versuchen schlussendlich allein dieses
Juwel der Kalkkögelkletterei in Angriff nahm. Mit dabei hatte ich jede Menge Klettermaterial
für freie und künstliche Kletterei, zwei Seile, Proviant für zwei Tage, viel Angst und einen
Fotoapparat. Die Angst war zeitweise lähmend und zeitweise motivierend, der Fotoapparat
half die wichtigsten Stellen und auch manchmal meine Gesichtsausdrücke zu dokumentieren
und das Klettermaterial, vor allem das für die künstliche Kletterei, half mir aus manchmal
schier ausweglos scheinenden Kletterstellungen heraus, zumindest eine technische Lösung
für das jeweilige Kletterproblem anzugehen. Ergebnis war nach zwei Tagen meine bis
damals anspruchsvollste Kletterroute in psychischer und physischer Beziehung.
Noch einmal ziehe ich zwei bis drei Sonderkreise mit meinem Drachen über diesen
schaurigen Abgrund des Riepenpfeilers und bin irgendwie froh, dass er hinter mir liegt.
Mein
Variometer beginnt zu piepsen und reißt mich aus den Träumen der Vergangenheit.
Ich
drehe den Drachen in die aufsteigende Warmluftblase ein, steige höher und höher, bis dieser
Pfeiler etwas unwichtiger und kleiner geworden ist und überquere scheinbar mühelos den
Kamm der Kalkkögel von der Westseite zur Ostseite. Heute, mit dem Drachen, gelingt mir
dieser Sprung in wenigen Minuten. Vor über 20 Jahren nahm es drei Jahre in Anspruch, um
von der, für mich so wichtigen Begehung dieses Pfeilers auf die andere Seite der Kalkkögel
zu gelangen, auf der nicht nur ein neuer Pfeiler und neue Freunde warteten, sondern auf der
sich auch die Wunden schlossen, die sich durch zu viel negative Kommentare weit in meine
Psyche schnitten. Vor allem jedoch lernte ich auf dieser anderen Seite Geli kennen, meine
heutige Frau, die mir damals den Glauben an das Gute wiedergab. Ich ziehe ein paar weite
Kreise über die warme Ostseite der Seespitze und schaue hinunter zu Geli und den Buben,
wie sie gerade mit den Schiern Richtung Tal fahren.
Vor zwanzig Jahren war es umgekehrt; da saß Geli mit dem Fotoapparat in der Hand gute
sieben Stunden auf einem felsigen Aussichtsposten, um mich bei einer meiner wildesten
Soloerstbegehungen zu fotografieren.
Nicht nur die Idee, diese Tour auszuführen, auch die
Idee die Freundin als Fotografin für die Dokumentation solch einer Wahnsinnstat zu
missbrauchen, gaben der Tour schlussendlich den Namen: der „Göttliche Wahnsinn“. Auf
der anderen Seite der Kalkkögel hatte die Geschichte begonnen, und hier herüben wollte ich
sie zu Ende bringen, eine Serie verwegener Soloerstbegehungen.
Dazwischen lagen drei
Jahre, ca. 60 Erstbegehungen, und die Öffnung der Schwierigkeitsskala nach oben. Die Elite
der Kalkkögelkletterer hatte eine wahre Meisterschaft in der Bewältigung der brüchigsten und
steilsten Wandstellen entwickelt. Manchmal wurde von diesen Kletterern das spezielle
Können, unabsicherbare Wandstellen zu klettern, die Bewegungen erfordern, welche eher
an Verrenkungszustände erinnern, denn an elegante Klettereien, in die festeren und eher
absicherbareren Wandzonen getragen. Dies führte zu einer handvoll Kletterrouten, die auch
von Gebietsfremden ohne größere Lebensgefahr gemeistert werden konnten. Die waren
Abenteuer der Stubaier Alpen lagen und liegen aber immer noch in den senkrechten und
überhängenden nichtabsicherbaren Bollwerken dieser sterbenden Wände. Besagter
„Göttlicher Wahnsinn“ bietet von beidem etwas. Eine an und für sich äußerst feste Route ist
gepaart mit einer 25 m langen äußerst brüchigen Wandstelle. Das ganze solo erstbegangen,
wurde zu einem meiner größten Stubaier Abenteuer, aber vor allem der Endpunkt einer
ehrgeizigen unruhigen Kletterepoche. Erstbegehungen bis zum 8. Schwierigkeitsgrad und
einmal eine Serie von 24 Erstbegehungen durchgeführt in 26 aufeinanderfolgenden Tagen
lagen hinter mir.
Während ich so schwerelos an meinem Drachen hängend durch die Luft gleite, erscheint mir
jedoch die Sicht zu damals versperrt, oder zumindest getrübt durch eine Nebelwand.
Heute
sind für mich diese Wände mit Geschichte belegt, damals konnte ich noch Jahre danach
jede einzelne dieser Kletterstellen in Form von Grifftabellen darstellen, alle Risse genau
zeichnen und er war mein ganzes Leben, der detaillierte Mikrokosmos. Damals habe ich
mein Ziel gesehen und habe versucht es dann zu erreichen. Heute erreiche ich mein Ziel,
das man nicht sehen kann, drehe ein und freue mich über sanftes Steigen, den sinkenden
Horizont und den weiteren Blick. Bereits kann ich über zwei Täler hinweg sehen und erkenne
die stolzen Berge der Tribulaune, eine weitere Station bei meinem Flug durch die Zeit.
Gedanken wechseln in Windeseile; fast noch schneller als ein Ortswechsel mit dem Drachen
möglich ist, gleitet die Erinnerung von der Kette der Kalkkögel zu der gruseligsten Ecke der
gesamten Stubaier Kletterberge, der Nordwestwand des Obernberger Tribulauns.
Bis 600 Meter ist die Wand hoch und ebenso breit, kompakt und steil. Schon von der Ferne
ist der Fels unschwer als Bruch zur erkennen. Kalk wechselt mit marmorähnlichen Streifen
und Schieferschichten ab, alles horizontal gelagert.
Die vertikale Gliederung beherrschen drei Wasserstreifen, die den großen Schluchten des
obersten Wandteils entspringen. Und dann gibt es noch die Rissreihen – fünf Stück an der
Zahl. Die östlichste wurde die bis dahin verwegenste Route der Tribulaune. „der Himmel
kann warten“, drückt nur annähernd die Gefühle während der Erstbegehung aus. 20 Meter
rechts der gelben Meganase, kletterte ich 1982 18 verrückte Seillängen in 12,5 Stunden.
Bruchkletterei als Qualität zu erkennen ist nicht jedermanns Sache. Es will gelernt und geübt
werden, den Erlebniswert solcher Unternehmungen zu schätzen. Es erschien mir nach der
vierten Neutour in dieser Schreckenswand nicht mehr erstrebenswert, auch noch das fünfte
Risssystem zu erklettern.
Die Zeit heilte alle Wunden. Verdrängt waren die Schiefereinschlüsse, die faustgroßen
Steine, die manchmal wie Geschosse an uns vorbeigeschleudert wurden und die Tatsache,
dass alle vier bis dahin ausgeführten Routen Klettern in einem Steinbruch, zwischen Wasser,
Steinschlag, Marmor und Schiefer waren. Weder Genuss noch gesellschaftliches Ansehen
waren in dieser Wand zu erwerben. Lediglich die Sockel der „Schwarzen Mannder“ in der
Innsbrucker Hofkirche sind bisher hier gewonnen worden. Ein mystischer Ort vergangener
Tage. Der Blick nach oben wirkte etwas lähmend. In ihrer Gesamtheit betrachtet erweckt
diese schiefe Rissreihe wenig Mut. Steilheit, Brüchigkeit und Länge der Kletterei drücken
aufs Gemüt. Ich weiß nicht genau, warum ich wiedergekehrt bin. Es war eine Art
Fernsteuerung, eine magische Anziehungskraft. Schon einmal zuvor war ich an diesem
Fleck gemeinsam mit Stefan gestanden. Die Angst war zu groß. Nein, sterben wollten wir
auch damals wirklich nicht. Ich wollte vor mir selbst ein Held sein und bin desertiert.
Als ich mich in die Enden des Doppelseils einband, konnte ich nicht klar feststellen, ob die
Klammheit in den Fingern von der morgendlichen Kühle oder von einer inneren Angst
ausgelöst wurde. Schwerfällig stieg ich die ersten leichten Meter empor. Ängstlich querte ich
nach links in die erste stumpfe Verschneidung. Langsam begann ich mich nur mehr auf die
jeweiligen drei Meter Fels vor mir zu konzentrieren. Die Beine waren zum Äußersten
gespreizt, standen auf Miniaturleisten, während die Finger in der Ritze im
Verschneidungsgrund Halt suchten. Bedächtig war die Kletterbewegung, aber allmählich
löste sich die Beklommenheit. Fünf Zwischenhaken und 40 Meter weiter erreichte ich den
Kopf der Schuppe. Der Einstieg in die nicht endenwollende Riss- und Verschneidungsreihe
war geglückt. Die nächste Seillänge war der blanke Horror. Dunkelgelb und hellgrau, links
abdrängend und mit Dächern bewehrt, zog der Riss im Verschneidungsgrund Richtung
Himmel. Zumindest war er absicherbar, wenn schon schuppig und brüchig, tröste ich mich
selbst.
Im Stil der Riepenverschneidung in den Kalkkögeln (VI) ähnlich, nur einen Grad
schwieriger.
Die Steigerung der ernsten Klassiker der dreißiger Jahre. Nach 40 Metern
begannen meine Beine zu verkrampfen. Der endlosen Spreizerei waren sie nicht pausenlos
gewachsen. Aber wo ankern, wenn kein Land in Sicht war? Der Kapitän führte gegen die
Meuterei des Fußvolks einen verzweifelten Kampf. Der Aufgabe nahe, spreizte ich mich
gegen den Strom der Schwerkraft. Im breiter werdenden Riss bekammen nun auch die Arme
das ihre zu leisten. Zwei Dächer kannten kein Erbarmen.
Das obere kamm einem Offwidth
näher als mir lieb war. Klemmen mit allem, was zur Verfügung stand und Tempo. Bei der
Brüchigkeit verging einem rasch die Lust auf großzügiges Höherspreizen außerhalb des
Risses. Durch ihn ging es sicherer. Der Weiterweg wird dubios. Ein Meer von kleinen
Dächern wirkte wie Brandung an der Steilküste. Die Angst vor dem Ertrinken wuchs. Zwar
zog die Rissreihe als grober Leitfaden weiter, doch Unterbrechungen, schlechtester Fels und
Steilheit wirkten beklemmend. Wie ein Schiffbrüchiger hielt ich mich die nächsten zwei
Seillängen an allem fest, was herumtrieb. Große Blöcke, schlechte Haken, gefinkelte Keile
und zwischendurch zwei splittrige Wandstellen forderten maximale Konzentration. Die
Grenze des Erträglichen war überschritten.
Was machten wir dort eigentlich noch? Florian
hatte schon lange auf Jümaren umgestellt. Bevor er sich an diesen Zacken und Splittern
festhielt, schob er lieber seine Klemmen Meter für Meter höher.
Ich vermisste stark den
Vorteil der Wechselführung. Die Überhänge und der Bruch des Weiterwegs wurden immer
unerträglicher. Seillängen wurden zu Stunden. Das vor uns Liegende erschien mir als
Ewigkeit. Nur gut, dass ich fest von der eigenen Unsterblichkeit überzeugt war.
Es war noch nicht ganz Mittag, da wollte ich noch eine Seillänge inspizieren, bevor die
Entscheidung über Weiterweg oder Rückzug zu fällen war. Der Riss war ein Ekel. Ein
Verschneidungsgrund, rechts Dächer, links eine glatte Splitterwand; nach 45 Metern
erreichte ich das Ende eines dicken Wasserstreifens. Er durchzog den oberen Wandteil und
endete in dieser schiefen Linie. Der mögliche Weiterweg?
Bis Florian bei mir war, hatte ich
den Mut für senkrechte Wandstellen in der Obernberger Tribulaun-NW-Wand verloren. Ohne
die Entscheidung zu treffen, war sie für uns gefallen. Ich stieg den Riss weiter bis in eine
große Nische, fast schon eine Höhle. Kalt zog es aus dem Inneren des Berges heraus. Die
Fortsetzung der Kletterei? Es gab keine mehr; hoffnungslose Sackgasse. Gemeinsam mit
meinem Leidensgenossen versuchte ich, das Motiv für den Rückzug zu finden. Wortloses
Verstehen auf beiden Seiten und bleiche Gesichter, als die Seile hinunterhingen. Sie wiesen
den Weg in die schrecklichen Überhänge links der Route. Wir saßen inmitten der Wüste, und
der Rückzug war eine Fata Morgana. Das Ziel musste der Horizont bleiben, doch der war
aussichtslos weit über uns. Mit jedem Meter, den ich weiterkletterte, schien er sich ebenfalls
höher zu schieben. Endlos war das Fürchten. Einsicht war nicht mehr gefragt. Die Tatsache
traf uns wie ein Keulenschlag. Vier Seillängen äußerster Angespanntheit folgten.
Abwechselnd verklemmte ich den Körper im überdimensionalen Riss, spreizte dann wieder
über Überhänge, um schließlich meine Finger in grasigen Erdpolstern zu vergraben.
Die
Absicherbarkeit ließ viel zu wünschen übrig. Höchste Konzentration war erforderlich.
Zumindest waren die Standplätze vertrauenserweckend. Stundenlanges höherschruppen
forderte seinen Tribut. Hose und Finger litten arg unter der Prioritätenauswahl. Alle Mittel
waren recht, um nicht zu stürzen. Knapp über dem Boden wäre es nicht besonders schwierig
gewesen. Aber mit dem Zwang zum Erfolg änderte sich der Blickwinkel. Als wir spätabends
die letzten Meter durch die mit Schneefeldern gespickte Ausstiegsschlucht kletterten,
empfanden wir nur Dankbarkeit. Die Erlösung von „Grauen, Gruseln, Gänsehaut“.
Seit „Grauen, Gruseln, Gänsehaut“ sind Jahre vergangen.
Geblieben ist die Erinnerung an
Furcht und Einsamkeit. Diese Tribulaunrouten haben ein besonderes Flair. Was mit Melzers
Pflerscher Tribulaun N-Wand begonnen hatte, von Rebitsch und Frenademetz in der
Goldkappl S-Wand forgeführt wurde und durch Rainer und Eberharter in der Pflerscher
Tribulaun NW-Wand zur Spitze getrieben wurde, haben wir versucht aufzunehmen:
Abendteuerklettern in den wildesten und entlegensten Wänden der Tribulaune. Wir sind um
viele Erfahrungen bereichert worden und um einen Schritt weitergekommen. Fast
unverständlich erscheint mir heute unser Tun von damals.
Die Eiseskälte dieses Erdenwinkels beeinflusst nicht nur den Kletterer, sondern erfordert
auch heute als Drachenflieger von mir einiges an Aufmerksamkeit, da das Flair dieser Wand
sogar jegliche Thermik tötet. Bevor ich zu tief sinke und zu einer Notlandung im Hinterenskar
ansetzen muss, gleite ich hinaus aus diesem emotionalen Eiskeller, um die Ecke herum,
zum lieblichen und wundeschönen Obernberger See. Hier hebt sich nicht nur die Luft, nein
auch die Stimmung. Die fast schon gefährliche Bodennähe verwandelt sich in spielerischer
Leichtigkeit wieder zu einer vernünftigen Flughöhe jenseits der 3000 Metergrenze, erweckt
Wünsche nach neuen Zielen, Zielen in der Sonne, Zielen der Freude ohne Schwermut.
Das Ziel meiner Erstbegehungen war, die von der Natur vorgegebenen Strukturen sowohl
zum Klettern als auch zur Absicherung zu benützen und keine Bohrhaken zu verwenden.
Der Bohrhaken ist eine Möglichkeit, Verzicht eine andere.
Nach 21 Erstbegehungen an den Ilmwänden war es eine logische Folge für mich, auch
einmal einen Versuch an der Kastenwand zu unternehmen. 28.000 Quadratmeter leicht
überhängender und noch nie durchstiegener Fels standen zur Verfügung, mit insgesamt 250
Metern Höhenunterschied. Keine Risssysteme, keine Verschneidungsreihen, also keine
klare, abzusichernde Linie war erkennbar. Keine Bohrhaken, und möglichst alles frei, machte
ich mir zur Selbstauflage, da ich mir von dieser Wand eine Tiefe Reise in mein Inneres
erwartete.
Unser erster Versuch von 1983 erscheint mir heute fast wie eine Entschuldigung, bis dahin
trotz eingehender Suche keine Linie gefunden zu haben. Der „Gegner“ war von lähmender
Übermacht: ein psychischer Spiegel erzeugte unerträglichen Überdruck im Gehirn. Es war
der falsche Weg, sich mit der Wand messen zu wollen. Der heroische Zugang über eine
„Bezwingung“ erwies sich nicht gerade als richtiger Ansatz für eine Problemlösung und
stellte gewisse Teile meines damaligen Denkens über das Klettern nachhaltig in Frage. Zwei
Jahre später war das Ziel die Kletterbarkeit der zweiten Seillänge, nicht mehr der
Wanddurchstieg. Zwei Stunden später war die Frage positiv beantwortet. „Rotpunkt“ war
etwas anderes, aber wir konnten zufrieden nach Hause gehen. Bei zwei weiteren Versuchen
gelang der freie Durchstieg bis zur Wandmitte und ein paar Meter hoch in verwegener
Technokletterei im linken Wandteil, dann sperrten 50 Meter weißer Fels den Weiterweg.
In den folgenden Jahren kamen immer wieder Zweifel über eine bohrhakenlose und freie
Kletterbarkeit der Kastenwand auf. Ich freundete mich mit dem Symbol des „unmöglich für
mich“ an. Es war angenehm, Abstand zu gewinnen. Die Kernfrage wurde, was besser sei:
unten stehen und sich in die Wand hineindenken oder oben hängen unter dem Bröselblock
und vom sicheren Unten schwärmen. Beides war nicht zufriedenstellend. Nach langem
Wenn und Aber seilten wir uns über den linken Wandteil ab, um den Block zu entfernen. Ich
staunte nicht schlecht, als ich fünf Meter von der Wand entfernt am Block vorbeischwebte.
Die einzige gewonnene Erkenntnis dieser Aktion war die Sinnlosigkeit eines weiteren
Versuchs auf dieser Linie.
Tage später versuchte ich nach der vierten Länge eine neue Hoffnung im rechten Wandteil –
eine erfolgsversprechende Idee. Bevor wir sie verwirklichen konnten, waren der Tage und
bald auch das Jahr vorbei. Erst 1990 gelang mir dann gemeinsam mit meinem langjährigen
Freund Otti Wiedmann nach einem weiteren Versuch die erste Durchsteigung. Sieben Jahre
dauerte die Beschäftigung mit der Wand. Sechs Versuche, Ordnung ins Chaos zu bringen,
der siebte erreichte sein Ziel. Doch alles, was ich in der Abendsonne am Ausstiegsband
liegend verspürte, war Leere, eine gewisse Traurigkeit, ein so liebgewonnenes Problem
gelöst zu haben. Die Kastenwand ist nun zwar kein Fragezeichen mehr, dafür bietet sie jetzt
hervorragende Freikletterei in festem Fels, wo alle Haken stecken und wo trotzdem noch viel
Platz für Kreativität bleibt.
Das warme Licht der Nachmittagssonne erwärmt die Wände und die Schuttkarre an der
Westseite des Pinnistales und versetzt so die Luft in eine tragende, sichere
Aufwärtsbewegung.
Ein schwereloses, fast unwirkliches Gleiten, vorbei an all den
fantastischen Klettererlebnissen vergangener Jahre führt zu einem rauschähnlichen Zustand
und lässt sowohl Raum als auch Zeit immer unwirklicher werden. Ich überfliege die
Pinnisalm, schaue hinunter zu den wasserüberronnenen Steilwänden am Talboden
unterhalb der Kirchdachspitze und denke zurück an meinen geborgenen Raum mit diesem
einen Fenster, dem erdachten Bildschirm und den gedachten Videorecordern. Auf meinem
Bildschirm gab es keine Wasserfälle. Die sah ich erstmals durch die Löcher in der Wand.
Von meinem Platz aus unerreichbar funkelten die eisigen Säulen märchenhaft schön und
zugleich unwirtlich feuchtkalt zu mir herein. Immer öfter begann ich vom Sofa und vom
warmen Ofen wegzugehen, hinaus in die eisige Winterlandschaft, um die gläserne
Vergänglichkeit der winterlichen Wasserfälle zu begreifen. Unwirkliche Schönheit überstrahlt
dort draußen Nässe und Kälte.
Auf der Suche nach neuen Horizonten fand ich eine Art
Paradies. Am Vorbereitungsweg zu einer der höchsten und gefährlichsten Karakorumwände
lag das Pinnistal. Die Nordwand des Masherbrum war noch ein Traum, da wurde „Männer
ohne Nerven“ zur Realität. Der Seilschaft Martin und Andi gelang die erste richtig schwere
Eiskletterei in den heimischen Bergen. Durch Fotos und Berichte von Schottland, Frankreich
und Amerika motiviert, versuchten wir nicht nur Konsumenten dieser Abenteuerberichte zu
bleiben. Wir wollten selbst handeln und erleben. Woche für Woche zogen wir zu den
Eiszapfen. Das Pinnistal bot Ziele für mehrere Winter.
Alle Klassiker waren begangen und mit „Land am Strome“ war auch schon der Einstieg in
einen neuen Schwierigkeitsbereich geglückt. Eine frei stehende Säule, am Fuß zehn
Zentimeter Dick, dann eine überhängende, mit einer dünnen Eisglasur bedeckte
Verschneidung und ein abschließender Quergang an Zapfen zu einem 20 Meter hohen
Stalaktiten war der neue Weg im Eis. In Worten ist es für mich kaum möglich, die inneren
Wellen dieser Begehung zu beschreiben. Zurückgekehrt in meine vier Wände – mit
mittlerweile vielen Löchern – spielte ich mir das Video dieser Begehung mehrfach ab. Bei
jeder Wiederholung konnte ich klarer sehen. Dies war der Weg in die Zukunft. Vor Jahren
schon erahnte ich das „Amphitheater“ als Spielwiese moderner Eiskletterei, nachdem ich mit
Doug Scott den Einstieg in die schwierigen Mixedklettereien erfahren hatte und im Lüsenstal
und Schlicker Tal das Können weiter ausgebaut hatte. Aber Winter um Winter verging, und
ich konnte wiederum keine kletterbare Linie in diesem Teil des Kirchdachsockels finden. Ich
träumte von einem Abenteuer in den schwarzen Platten, hatte aber nicht den Mut, mein
Zimmer in dieser Richtung zu verlassen. Eineinhalb Wochen lang ging ich nun schon jeden
Tag ins Pinnistal zum Eisklettern. Die Form stieg im Gleichmaß mit dem Selbstvertrauen.
Eis
war überall zu finden, warme Tage und klirrend kalte Nächte zauberten einen Eispalast in die
schwarzen Platten des Amphitheaters. Ich spürte einen unwiderstehlichen Zug hin zu diesem
Hexenkessel. „Genau in der Mitte zieht ein dünner Überzug aus Eis teilweise unterbrochen
bis zum Wandfuß. Es erscheint als die flachste Linie, knapp an der Senkrechten. Christian
sichert Millimeter für Millimeter. Schlecht ist es bestellt um gute Felshaken. Für Eisschrauben
sind zwei bis drei Zentimeter Eis ohnehin zu wenig. Sie reichen gerade aus, um den
scharfen Spitzen der Eisgeräte und Steigeisen Halt zu geben. Der Übergang von einer
Schuppe auf die nächste wird jedes Mal zu einem Balanceakt auf rohen Eiern. Die
Kombination von Krafteinsatz und Gleichgewichtsakrobatik bringt mich an mein
Leistungslimit. Ein Grad steiler, und ich würde rückwärts aus der Wand fallen wie eine reife
Pflaume. Ich denke an meine schützenden vier Wände, aber von hier gibt es keine Flucht.
Hier bin ich. Jetzt, genau in diesem Moment, findet das Leben statt. Die Vergangenheit ist
etwas für zu Hause.
Die Zukunft ist die nächste Scholle. Diese Erkenntnis erahnte ich oft beim Klettern. Aber bei der Erstbegehung von
„Metamorphose“ war sie so hautnah spürbar, dass sie mich in meinem Denken nachhaltig
veränderte.
Ein Jahr später stehe ich wieder am selben Einstiegspunkt. Eine zusätzliche Neutour in
diesem Kessel lag dazwischen. Gemeinsam mit Darshano und Hanspeter gelang erst
wenige Wochen zuvor eine schöne Eislinie an der Kante des Amphitheaters, nur erreichbar
über eine verwegene Wandstelle. Der „Magier“ hat bis heute alle Wiederholer abgeschüttelt.
Vergangenen Winter reichte die „Metamorphose“ ganz bis zum Boden. Das Folgejahr war es
genau umgekehrt.
Der „Magier“ und eine Linie links der „Metamorphose“ ersetzten das
fehlen der Glasur des Vorjahres.
Der Versuch der Denkmalbildung scheitert, spätestens im
Frühjahr, wenn die Sonne das Wasser zu neuem Leben erweckt, wird mir die
Vergänglichkeit bewusst. Stunden des Glücks und der Angst stehlen sich dann als
unscheinbares Rinnsal aus den Bergen davon. Unwiederbringlich sind die Eisstrukturen und
die Erlebnisse. Als ich nach der überhängenden Einstiegswand an nur einem Eisgerät im
Balkon über mir verankert bin und die Steigeisen noch unter dem Felsüberhang Halt suchen,
wird mir bewusst, dieser Kletterzug an dieser Stelle ist vielleicht einmalig; der kommt nicht so
schnell wieder. Nächstes Jahr gibt’s hier vielleicht kein Eis, oder vielleicht einen Zapfen. Aber
genau dieser Zug aus der Schulter heraus, mit überkopf Einschlagen und Auspendeln am
Eisüberhang, der ist nur heute, am 22. März 1992. Auf den 25 Metern der ersten Seillänge
bewältige ich vielleicht 50 Kletterzüge. Zehn davon werden für immer in meinem Kopf
bleiben. Über ein dünnes Eisschild erreiche ich in senkrechter Kletterei ein Dach. An der
Kante hängt ein Stalaktit. Erst ganz hoch am Dachansatz wagte ich hinauszuspreizen. Mit
einem gezielten Schlag verankere ich das Eisgerät in der Scholle darüber. Den Kopf lege ich
weit zurück. Tropfen klatschen in mein Gesicht. Die Eisknollen in meinen Haaren beginnen
durch die Wärme des Nackens zu schmelzen. Während ich das linke Gerät höher setze,
blockiere ich in der rechten Schulter und im Ellenbogen. Die Spitzen der Steigeisen sind nur
wenige Millimeter tief verankert, drinnen unterm Dach. Ein kräftiger Zug, und der Rest zum
Stand ist senkrechter Genuß. Es war ein einmaliges Erlebnis, 25 Meter senkrecht, vier Meter horizontal ausladend; es ist
eine Himmelsleiter aus Felsdächern und Eisstrukturen.
Jahre später folgte gemeinsam mit Heli Neswadba noch ein weiteres Abenteuer, in Form des
Kometen, in diesen Platten.
Gedankenverloren in der Vergangenheit habe ich sie alle wieder bereist, die Schauplätze der
wagemutigen Abenteuer vergangener Tage. Heute jedoch fast mühelos mit dem Drachen,
durch keinen Motor angetrieben, nur durch Muskelkraft gesteuert und durch die
verschiedenen Aufwinde getragen. Die Sonne hat bereits auf die Westflanken der Berge
gewechselt und entlang des ganzen Pinniskammes stehen wunderbare thermische Bärte.
Ich such mir einen schönen Aufwind aus, der mich mit ca. 20 km/h weiter in die Höhe
transportiert. Die Landschaft und die Vergangenheit werden immer kleiner, unwichtiger und
verschwinden schön langsam aus dem geistigen Blickfeld. Zurück im Jetzt ziehe ich die
Basis meines Drachens voll durch und gleite schneller als die Polizei es auf den Autobahnen
erlaubt, zurück nach Plöven, zum Haus am Hang. Nach nur wenigen Minuten eines tollen
Endanfluges, welcher mich über die Früchte der Arbeit der letzten Jahre als Architekt in
Form von Wohnbauten und Industriebauten im Stubaital geführt hat, finde ich mich gut 500
m oberhalb des Landeplatzes, direkt neben unserem Haus gelegen, wieder.
Der Geschwindigkeitsüberschuss ist enorm, der Fahrtwind pfeift nur so am Helm vorbei. Aus
purer Lebensfreude, einer Dohle gleich, beschleunige ich mittels eines Wing-overs den
Drachen auf seine Maximalgeschwindigkeit und fliege als krönenden Abschluss für diesen
Tag einen Riesenloop. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn der Horizont aus dem
Blickfeld nach unten verschwindet, die Welt am Kopf steht und wenige Augenblicke später
von oben wieder als verkehrte Welt ins Blickfeld kommt.
Wie immer im Leben ist alles nur eine Frage des Blickwinkels. Es ist ein Hang mit 15° der
neben unserem Haus als Landewiese dient.
Es sind nur wenige Momente vom Ausgang des
Loopings über die letzte Kurve der Landeeinteilung bis zum beschleunigten Landeanflug um
dann den Drachen in eine gut gezirkelte Aufwärtskurve parallel an den Hang zu lenken und
erst ganz zum Schluss wieder sanften Bodenkontakt zu erhalten.
Plötzlich ist er wieder da,
der Boden unter den Füßen. Der Flug war wie ein Fenster in die Vergangenheit; die
Vergänglichkeit von Ort und Zeit wurde mir dieses Mal in einem besonderen Maß bewusst,
vom Klettern stehen sie noch herum, diese Denkmäler der Kühnheit und des
Jugendwahnsinns. Von Flügen bleiben keine Spuren. Es ist die Steigerung der Philosophie
der Schotterindianer von damals, keine Spuren zu hinterlassen und niemanden zu
beeinflussen.
In Memoriam Andreas Orgler